Jury vergibt Istanbul-Stipendien an zehn Preisträger
Im Rahmen des Rundgangs an der HBK Braunschweig hat eine einberufene Jury am Mittwoch, den 6. Juli 2011 aus dreißig eingegangenen Bewerbungen zehn Stipendiatinnen und Stipendiaten für das Stipendiatenhaus Atelier Galata ausgewählt.
Die Jury bestand aus dem Direktor der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz (Tobias Henkel), dem Generalsekretär der Stiftung Niedersachsen (Staatssekretär Joachim Werren), einem Hochschulratvertreter (Norbert Garbrysch), dem Vizepräsidenten für Internationales (Prof. Ulrich Plank), der Istanbulbeauftragten der HBK Braunschweig (Prof. Dr. Annette Tietenberg) sowie Vertretern der FK I (Prof. Candice Breitz), der FK II (Prof. Klaus Paul) und der FK III (Bärbel Schlüter). Die Jury wurde begleitet von dem Präsidenten der HBK (Prof. Dr. Hubertus v. Amelunxen) und einem weiterem Vertreter der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz (Bernd Vasel).
Das Stipendiatenhaus Atelier Galata liegt inmitten der Altstadt Istanbuls und wird von der HBK gemeinsam mit der Kunststiftung NRW, der Stadt Köln, der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz und der Stiftung Niedersachsen unterhalten. Die StipendiatInnen erhalten die Möglichkeit, internationale Kontakte zu knüpfen, Erfahrungen mit KünstlerInnen, SchriftstellerInnen und FilmemacherInnen auszutauschen, gemeinsame Projekte zu entwickeln und die Kunstszene Istanbuls kennenzulernen.
Das Stipendium umfasst einen mietfreien 90-tägigen Aufenthalt im Stipendiatenhaus sowie die Nutzung des dazugehörigen Werkstattraums, einen monatlichen Unterhalts- und Materialkostenzuschuss in Höhe von 800 Euro und einen einmaligen Reisekostenzuschuss in Höhe von 500 Euro.
15. Juli 2011 - 15. Oktober 2011
Michael Jahn (Kommunikationsdesign/zeitbasierte Medien)
Maria Castellana (Kunstwissenschaft)
15. Oktober 2011 - 15. Januar 2012
Mirjam Dorsch (Freie Kunst)
Alexandra Heide (Meisterschülerin Freie Kunst/Kommunikationsdesign)
15. Januar 2012 - 15. April 2012
Rizki R Utama (Freie Kunst)
Enric Fort Ballester (Freie Kunst)
15. April 2012 - 15. Juli 2012
Robert Stürzl (Kommunikationsdesign/zeitbasierte Medien)
Monika Jagodda (Freie Kunst)
15. Juli 2012 - 15. Oktober 2012
Rieke Rathfelder (Darstellendes Spiel)
Marjoleine Leever (Kunstwissenschaft)
Die Begründungen der Jury
Michael Jahn stellt Entwürfe von Geschlechterrollen in Frage. Seine Fotografien führen das Potenzial von Identitäts- und Perspektivwechseln vor Augen. Mit temporären Körpertransformationen und Methoden des Cross-Dressings weckt er Zweifel an der Unveränderlichkeit dessen, was traditionell als Bild gewordener Ausdruck von Männlichkeit und Weiblichkeit gilt. Die Jury verspricht sich von der Begegnung mit einem anderen Kulturkreis eine Erweiterung seines künstlerischen Vokabulars und eine produktive künstlerische Umsetzung der Erfahrung von Alterität.
Maria Castellana, die Italienisch, Deutsch, Englisch und Arabisch spricht, erforscht die Grenzen der Übersetzbarkeit von Sprache. Die Erfahrungen von Fremdheit, aber auch die kulturellen Differenzen, die in metaphorischen Sprachwendungen mitschwingen, werden für sie zum Anlass, über die Struktur der gesprochenen und geschriebenen Sprache sowie über Mimik und Gestik nachzudenken.
Mirjam Dorsch erforscht Zwischenräume. Mit der Präzision einer Archäologin legt sie verdeckte Wandschichten frei; mit dem Wissen einer Bildhauerin um das Austarieren der Kräfte baut sie fragile Konstruktionen aus Ytongsteinen, die dem Zwischenraum eine architektonischen Rahmen verleihen. Sie wird in Istanbul den historischen Spuren auf den Grund gehen, die sich in Hauswände und Straßenpflaster eingeschrieben haben, und ihr Augenmerk auf Lücken im Stadtraum richten.
Alexandra Heide arbeitet ebenso präzise im Medium der Fotografie wie im Buch. Ihre hellsichtigen Untersuchungen von Lebensräumen überzeugten die Jury. Sie vermag Zeichen sozialer Zusammengehörigkeit zu erkennen und Dresscodes zu entschlüsseln. Dank ihrer Offenheit und ihrer Beobachtungsgabe wird sie auch in Istanbul Verhaltensmuster und nonverbale Kommunikationssysteme entdecken und jeweils angemessene Präsentationsformen für ihre Studien entwickeln.
Rizki R Utama und Enric Fort Ballester werden ihre in Braunschweig begonnene Gemeinschaftsarbeit in Istanbul fortsetzen. In ihren Performances bzw. Videoperformances erforschen sie die Sprache des Körpers. In dialogischer Situation werden Mund- und Zungenbewegungen ertastet, fremde oder vertraute Wörter gebildet und mühsam oder spielerisch nachvollzogen. Identität wird im Kontext des langsamen Nachvollzugs, des Nachahmens untersucht.
Robert Stürzl überzeugte die Jury mit der Präsentation seines aktuellen Fotoprojektes, das sich den Folgen des städtebaulichen Prinzips der "Gartenstadt" widmet, welches zu Beginn des 20. Jahrhunderts in die Raumplanung Einzug hielt. Die strengen Grenzziehungen zwischen Grünflächen und umbautem Wohnraum werden sichtbar gemacht und grafisch nachempfunden. In Istanbul wird Robert Stürzl seine Projektidee fortsetzen, indem er die für die Türkei typischen ungeplanten Siedlungsstrukturen, sogenannte "Gecekondu", ins Bild setzt.
Monika Jagoddas Installation aus handgestrickten Wollpollundern, deren jeweilige Hauptfäden über eine langsam drehende Maschinerie aufgetroddelt und aufgespult werden, hat die Jury überzeugt. Die Situation ist paradox. Während die Maschine die Ergebnisse der Handarbeit zerstört, entsteht etwas Unvorhersehbares: ein von der Künstlerin nicht zu kontrollierender Farbverlauf auf der Spule. Monika Jagodda ist bereit, sich auf offene Prozesse einzulassen. Was sie in Istanbul zu entdecken vermag, wenn sie sich mehr auf ihre Wahrnehmung als auf das Wissen verlässt, wird ihre weitere künstlerische Arbeit zeigen.
Rieke Rathfelders performative Auseinandersetzung mit einem politisch brisanten Thema wird in Istanbul eine Fortsetzung erfahren: Es geht um den Kurdenkonflikt. All das, was zur Identitätsbildung dazu gehört, wird von ihr berücksichtigt, seien es Kochrezepte, Kleidungsstücke oder Treffpunkte. Rieke Rathfelder, die des Türkischen mächtig ist, überzeugte die Jury, weil sie deutlich machen konnte, dass sie nicht davon ausgeht, als Künstlerin außerhalb politisch-gesellschaftlicher Geschehnisse agieren zu können. Sie bezieht die Rückwirkungen auf ihre Selbstwahrnehmung offensiv in ihre künstlerische Praxis ein.
Marjoleine Leever, die ihre Bachelorarbeit in der Kunstwissenschaft zum Thema „Kritische Positionen der Gegenwartskunst aus der europäischen Perspektive am Beispiel Südeuropa“ geschrieben hat, bricht mit einem konkreten Vorhaben gen Istanbul auf: Sie wird den Kontakt zu den in Istanbul agierenden Künstlergruppen „Hafriyar“ und „xurban_collective“ suchen und sich in Form eines Interviewprojekts der Frage widmen, welche Rolle der Kunst derzeit in der türkischen Gesellschaft zukommt.
Zuletzt bearbeitet von Referat Presse und Kommunikation am 09.08.2011
