Prof. Jürgen Jaehnert:
Grundlagen der dreidimensionalen Gestaltung 1 und 2
(Grundstudium, Prüfungsfach)
Die Aufgaben im Design werden komplexer. Infolge der gesellschaftlichen Veränderungen, insbesondere durch die Entwicklung der neuen Medienerzeugnisse, weitet sich das Berufsbild. Von Designerinnen und Designern werden in Zukunft vor allem mehr Phantasie, Definieren von Gestaltungsbedarf sowie prozessbezogenes Denken und Handeln erwartet. Die Entwurfspraxis wird sich notwendigerweise von den gefühlsmäßigen und willkürlichen „Würfen“ zu einer systematischen Gestaltbildung entwickeln. Diese Systematik ist nur auf der Grundlage eines umfangreichen Gestalt-Repertoires möglich.
Meine Lehre von den Grundlagen der dreidimensionalen Gestaltung erstreckt sich in Vorlesungen und Seminaren über das dritte und vierte Semester. Die bis dahin freiere Gestaltungsweise der Studierenden verlagert sich hier zu designgebundener Systematik. Das im Entwurfsprozess nötige Wissen der Formerzeugung entwickelt sich neben theoretischem Reflektieren in den Vorlesungen überwiegend durch Beobachtung und Erfahrung aus dem eigenen Experiment. Daher lege ich auf das Erproben der Formzusammenhänge besonderen Wert und in meinen Seminaren bildet die experimentelle Arbeit in der Werkstatt für Plastisches Gestalten ein wesentliches Studienelement. Die konventionellen Produktions- und Entwurfstechniken sind mit einer additiven Denkweise verknüpft, die Überdimensionierungen in der Produktgestalt bewirken. Die Minimierung von Bauteilen, sowie neue Erkenntnisse im Zusammenwirken von Funktionen bedingen eine grundlegendere Durchdringung der Gestaltstruktur und erfordern ein integratives Denken beim Entwerfen, das jedoch eine spezifische Morphologie im Industrial Design voraussetzt.
Im dritten Semester vermittle ich die Grundzüge dieser Morphologie als Formenlehre für definierbare Gestaltbildung. In den Aufgaben erforschen die Studierenden durch Analysieren und Abstrahieren natürliche und künstliche Gestaltbildungen, die physikalischen Wirkungen auf die Form und die geometrischen Zusammenhänge der Gestaltelemente. Die sich entwickelnden Objekte werden in Statik und Dynamik sowie in Orientierung und Symmetrie variiert. Die Studierenden fertigen Zeichnungen, plastische Studien, Computer-Entwürfe, Modelle und Dokumentationen. Die Erkenntnisse bilden ein gestalterisches Fundament.
Im vierten Semester vermittle ich die Formenlehre mit anwendungsbezogenem Entwerfen. Die Studierenden lernen in Übungen und Projekten die designtypischen Entwurfsprozesse. Im Spannungsfeld der Objekt- und Nutzerfunktion entwickeln sie Struktur und Form der Produkte. Besonderes Gewicht lege ich dabei auf das Reduzieren der Gestalt und auf das Bilden einer prägnanten Formensprache. Die Studienergebnisse erstrecken sich, wie im dritten Semester, über Zeichnungen, Entwürfe, Objekte und Dokumentationen.
Gestaltentwicklung
(Hauptstudium, Wahlpflichtfach)
In diesem Schwerpunktfach biete ich eine Vertiefung der gestalterischen Grundlagen für Studierende des Hauptstudiums. In dem vorangehenden umfassenden Diplomvorprüfungsentwurf ordnet sich die Gestaltung in das Korsett des Gesamtprozesses, der notwendigerweise auch formalästhetische Kompromisse beinhaltet. Das Seminar Gestaltentwicklung ermöglicht eine Rückbesinnung auf die kompromisslosen Grundlagen einerseits und neuerliche Konzentration auf der Ebene der inzwischen gewonnenen Erkenntnisse andererseits. Auf dem Weg von Analyse, Abstraktion und Synthese sind innovative Ergebnisse erreichbar. Gestaltungsvorhaben können hier in einem abgeschlossenen Entwurf oder in objekthaften Experimenten realisiert werden. Die individuellen Vorhaben können sich innerhalb einer Rahmenthematik bewegen, die übergreifende Prioritäten setzt. Dieses Seminar führe ich jeweils im Sommersemester durch.
Die Rahmenthematik des Sommersemesters 2004 ist „Wenn künstliche Produkte wachsen könnten!“. Ist ein solcher Leitgedanke für die Gestaltentwicklung unserer Objekte utopisch? Ich meine, er ist ein nützliches Denkmodell für die integrative Entwicklung der Gestalt, die eben nicht die Funktionen in vorgegebene Formen hüllt und er sensibilisiert den Blick für angemessenes Dimensionieren und reduzierbaren Materialaufwand, denn unsere knapper werdenden Ressourcen verlangen ein Umdenken! In dem Seminar wollen wir den gewachsenen Formen sowie ihren Bildungsprozessen nachspüren und das Erkannte beim Entwerfen analogisch anwenden.
Vordiplomandenkolloquium
Industrial Design Projekte 1 bis 3
(Hauptstudium, Fachseminar)
Diplomandenkolloquium
In diesen Lehrveranstaltungen betreue ich Studierende in ihren Diplomvorprüfungsentwürfen, den drei aufeinanderfolgenden Projekten und Diplomarbeiten, die mehrheitlich mit einem Entwurf durchgeführt werden. Das Entwerfen von Erzeugnissen und Erzeugnissystemen nimmt einen zentralen Bereich im Design ein. Gerade in dem sich weitenden Berufsbild werden das Durchdenken, Erfinden und Darstellen der auf Realisierung zielenden Gestaltung mit wachsender Vielschichtigkeit verknüpft sein. Entsprechend der beruflichen Bedeutung bildet das Entwerfen einen Schwerpunkt in der Ausbildung an der HBK.
In meiner Betreuungsarbeit steht die Gestaltbildung im Mittelpunkt. Sie resultiert aus strukturellen und formativen Verflechtungen, die ich den Studierenden mit wissenschaftlich-gestalterischem Stoff bewusst mache. Die Entwurfsvorhaben sind sehr unterschiedlich, da sie entweder gegenwartsbezogen sind oder in visionärer Weise zukünftige Entwicklungen vorwegnehmen. Hier sehe ich meine Aufgabe darin, eine eindeutige Richtung heraus zu kristallisieren und den Denkhorizont sowie den Blickwinkel der Studierenden für die ästhetischen und prozessbezogenen Kriterien der Realisierbarkeit zu weiten und ihre Kenntnisse in Beziehung zu setzen. Mit der steigenden Komplexität der aufeinanderfolgenden Gestaltungsvorhaben lernen die Studierenden die Sicherheit im prozess-bezogenen Entwerfen.
