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Lovely Music


Über Medienrokoko oder die Verbritneyspearung der Welt

Kristin Abel im Gespräch mit Katja Beneke


Katja, du verwendest in vielen deiner Arbeiten vorgefundenes Material aus den Massenmedien, baust es in Videoinstallationen ein, verwendest es in deiner Malerei oder reinszenierst es. Das Material ist oft bereits stark stereotypisiert und ins kulturelle Gedächtnis vorgedrungen.
Was interessiert dich an dieser popkulturellen Ikonografie?

Katja: Mich interessiert in erster Linie die Optik, also die Ästhetik. Du meinst damit ja sicher Popkultur, vielleicht Comics, Stars und Medien?

Ja, genau. Du wählst das aus den Medien aus, was einen Wiedererkennungswert hat.

Katja: Darüber habe ich nie so nachgedacht. Aber es ist schon das Stereotype und auch der Wiedererkennungswert, der mich interessiert, und ich glaube, was ich aus den Medien rausgreife, sind auch Stereotype, die etwas mit dem Kindlichen zu tun haben. Also wenn Britney Spears sich so lolitahaft anzieht z. B. oder auch Mangabilder ... Die Medien oder was auch sonst um mich herumflimmert, das gehört ja auch zu meiner Welt. Ich möchte einfach nicht, dass etwas nur kurz existiert und dann einfach verschwindet, sondern ich möchte es für immer behalten. Und das nehme ich mir aus den Medien heraus z. B. ein Bild von Britney Spears oder eine Hello Kitty und mache daraus für mich ein eigenes Bild, dass für immer bei mir bleiben kann. Also ich habe auch ein Interesse an dem Objekt selber, das dann mir gehört. Ich habe dann auch eine gewisse Lust das anzuschauen. Ich kann Künstler nachvollziehen, die ähnlich arbeiten. Ich mochte schon immer Andy Warhol und Jeff Koons gerne, die auch mit Medienbildern arbeiten und mit Ikonen z. B. Jeff Koons mit dem Häschen.

Wenn man die Medien ganz stark auf ihren Inhalt reduziert, so bleibt man oft bei der Aussage stehen, sie seien nichts weiter als Sex und Gewalt.

Katja: Ah ja, stimmt.

Und beide Aspekte kommen in deinen Arbeiten sehr stark zum Tragen. Einerseits interessiert dich die erotisierende Darstellung von Frauen, andererseits auch, wie man Gewalt ästhetisch darstellen kann. Also deine Idee z. B. Waffen sehr ästhetisiert darzustellen. Was interessiert dich an diesen beiden Themen?

Katja: Ja, in den Medien sind Sex und Gewalt auf jeden Fall Entertainment, etwas das die Aufmerksamkeit auf sich zieht, womit man Zuschauer schnappt. In der Kunst ist das für mich etwas ganz anderes. Etwas, was dem Zuschauer vielleicht wieder eine gewisse Freude bringt oder mir zumindest. Wenn ich eine schön beleuchtete Waffe sehe, dann ist sie nicht mehr ein Objekt, um jemanden zu töten, sondern sie ist ein wunderschönes Designobjekt. Meine Beschäftigung mit diesen Themen kommt eigentlich vom Film. Meine Lieblingsfilme sind Action- und Horrorfilme, in denen Sex und Gewalt einfach immer im Vordergrund sind. In Horrorfilmen ist Sex schematisch dargestellt. Die Frauen werden eher umgebracht, als dass sie was anderes machen und Sexualität wird im Horrorfilm ja bestraft oder ist ein Konfliktpunkt.

Vielleicht ist es ja auch gar keine Gewalt, die du zeigen willst. Mir ist es nur aufgefallen, weil Waffen ja eigentlich immer Gewalt symbolisieren. Es ist vielleicht, na ja, phallisches Objekt möchte ich jetzt nicht dazu sagen, aber es geht so ein bisschen in diese Richtung.

Katja: Ja, es hat auch mit einer Machtsymbolik zu tun.

So eine Art Fetisch ist es auch.

Katja: Es ist ein Fetisch. Sicher hat es mit einem gewissen Warenfetisch zu tun. Aber ich denke, wir sind über diese Warenfetischzeit hinaus. Auf keinen Fall soll Gewalt idealisiert werden, wenn ich z. B. mit Versatzstücken aus Filmen arbeite, sondern Gewalt soll eher umgewandelt werden. Ich suche immer nach einer gewissen Bildästhetik oder nach etwas, was die Realität idealisiert oder in eine Traumsequenz umformt. Im Traum treten Waffen und Gewalt manchmal in ganz anderen Zusammenhängen auf. Ich möchte also ganz andere Assoziationen zu diesen Objekten hervorrufen.

Du hast ja von Aneignung gesprochen. Eine andere Form kommt oft im Found Footage Film vor, der die Bilder komplett umdeutet oder ihnen Bedeutungen zuweist, die ursprünglich nicht intendiert waren. Oder spielt diese kritische Auseinandersetzung, wie es bei der Umdeutung der Fall ist, auch gar keine große Rolle mehr? Diese kritische und explizite Auseinandersetzung mit den Medien, die in einer Medienkritik gipfelt.

Katja: Ja, das sehe ich bei mir jetzt nicht so, dass ich eine Medienkritik liefere. Ich bin mit den Medien aufgewachsen, das heißt auch, ich kann damit umgehen. Ich fühle mich nicht von den Medien missbraucht. Ich weiß auch, wie ich sie hinterfragen kann. Ich muss nicht alles glauben, sondern es ist doch so, dass die Medien eine Möglichkeit bieten, auf eine unglaubliche Menge von Bildmaterial zuzugreifen. Und ich finde es wichtig herauszufinden, welche Informationen ich möchte und welche Bilder wichtig für mich sind. Mein Wunsch ist, noch stärker daran teilzunehmen. Darum habe ich auch eine eigene Webseite gemacht, um wirklich im world wide web präsent zu sein. Ich arbeite gerade an einem Blog. Das ist für mich so eine Art Tagebuch, wo auch andere reingucken können, welche Ausstellungen ich mir ansehe, welche Länder ich bereise etc. Ich möchte viel stärker in das, was um mich herum ist, eindringen und selber ein Teil davon werden. Ich möchte mich gar nicht davor verstecken oder mich entziehen.

Du setzt dich ja viel mit weiblicher Schönheit auseinander. Beziehst du dich damit auf künstlerische Traditionen z. B. auf die Aktmalerei, die Frauen in standardisierten Posen erotisch darstellt? Heute kennen wir dies eher aus der erotischen Fotografie oder aus Musikvideos. Beziehst du dich auf die Kunsttradition oder auf den Aspekt, wie Schönheit in den Medien inszeniert wird?

Katja: Darüber habe ich mir viele Gedanken gemacht, über den Unterschied zwischen Tradition und Moderne und wo ich stehen möchte. Ich bin zu der Meinung gekommen, in meinem Studium hier und in London, dass ich beides vermischen möchte. Ich habe ja sehr jung angefangen zu studieren und versucht, alles Traditionelle zu durchlaufen. Aktzeichnen habe ich viel gemacht, schon jahrelang und dann versucht, erstmal ganz traditionell nach Objekten und Fotos zu malen. Ich habe versucht, mich erstmal abzuschirmen von den Medien, um traditionelle Sachen zu machen und habe gemerkt, dass ich damit nicht ganz glücklich bin, weil es nicht das widerspiegelt, was mein Leben ist und auch nicht das ist, was mich wirklich interessiert. Dann habe ich begonnen, das alles einfach zu vermischen. Die Posen, die die Modelle im Aktzeichnen annimmt, vermischen sich in meinen Bildern mit den Posen aus Musikvideos oder mit den Posen der Mangamädchen.

Aber sind die Posen nicht dieselben? Wenn man an die Aktmalerei denkt z. B. an die Odalisken, die nackt auf dem Bett liegend inszeniert sind. Das erinnert mich daran, wie Frauen jetzt präsentiert werden.

Katja: Ja, auf jeden Fall, die Tradition ist nicht gebrochen. Das ist eine Linie. Das ist bis heute weitergegangen. Es wird auch in der Werbeästhetik benutzt. Das ist das gleiche, aber heute noch vermischt mit der Popkultur. Das heißt, es wird zum Entertainment. Seit meiner Kindheit habe ich mir Malerei angesehen mit Abbildungen von schönen Frauen. Also ich mag auch die italienische Renaissance und die Gotik und ich habe die Frauentypen auch immer schon verglichen. Wie sahen die Frauen in der Gotik aus? Das waren diese zarten Wesen mit langen blonden Haaren. In der Renaissance, da wurden sie dann etwas kräftiger, weil dieses griechische Ideal wiederentdeckt worden ist, und damit ist alles ein bisschen muskulöser geworden. Ich sehe einen Unterschied zwischen Popkultur und Kunst aber ich denke, man kann in der heutigen Zeit Mädchen aus der Popkultur in die Kunst rüberbringen oder natürlich auch die Jungs. Da sind einfach keine Grenzen gesetzt, sich zu bedienen.

Siehst du dich dann in der Tradition der Kunst?

Katja: Ja, auf jeden Fall. Schon allein dadurch, dass ich angefangen habe mit Aktzeichnen und diesen ganzen Sachen. Das war auch mein Wunsch, dass ich alles Traditionelle durchlaufe, natürlich nicht so wie man das früher gemacht hat. Ich finde, ich bin für die heutige Zeit schon fast zu traditionell. Also ich male immer noch Öl auf Leinwand, worüber viele sagen, dass das heute überhaupt nicht mehr geht. Ich kann das auch absolut verstehen, auch wenn man sagt, Malerei ist tot, kann ich das verstehen. Aber ich bin da anderer Meinung. Man kann alles machen, was einem gefällt. Film ist ja auch mittlerweile etabliert als Kunstform. Müsste man auch nicht mehr machen.

Was ich interessant finde ist, dass du Material aus den Achtzigern benutzt. Die Achtziger-Ästhetik ist leicht wiederzuerkennen. Und du verwendest auch Material aus den Neunzigern oder aktuelle Sachen. Warum wählst du das Material aus dieser Zeit und was fasziniert dich daran?

Katja: Genau das habe ich mich auch schon gefragt. Natürlich weiß ich erstmal nicht warum. Meinst Du die Farben und gewisse Proportionen an Bildern oder Menschen? Ich bin in den Achtzigern geboren. Ich denke, auch wenn ich mich an diese Zeit kaum erinnere, dass sie trotzdem in meinem Bildergedächtnis gespeichert ist. Da ist viel davon in meinem Kopf. Das ist eine psychoanalytische Sichtweise, aber ich vermute einfach, dass mich vieles an meine Kindheit erinnert, und die Kindheit ist ein riesiges Archiv für Künstler.

Liegt es auch daran, dass du in der DDR aufgewachsen bist? Die DDR hatte eine ganz andere Ästhetik, und die Bilder, die von Außen kamen, müssen sehr faszinierend gewirkt haben, weil sie so stilisiert waren.

Katja: Die im Westen aufgewachsenen Künstler machen ja auch das Gleiche, wie ich. Aber von meinem Verständnis her ist da oft ein anderer Zugang zu dem Material. Es wird von ihnen oft kritisch betrachtet, während ich das noch eher als Geschenk ansehe, so faszinierende bunte Sachen zu finden, die ich vorher nicht kannte. Ich habe das als Bereicherung angesehen. Es gibt schon viele Kritikpunkte zu den Medien, aber ich muss das jetzt nicht komplett kritisieren. Oder als satanisch ansehen, dass der Mensch verführt wird dadurch. Da gibt es noch ganz andere Sachen, durch die man fehlgeleitet wird.

Welche Bilder faszinieren dich? Du sammelst ja nur ganz kurze Ausschnitte. Die Bilder die du benutzt, sind sehr ausgewählt, du hat ja kein riesiges Bilderarchiv.

Katja: Das liegt einmal daran, dass ich kein Sammler bin. Ich möchte nichts ansammeln, sondern ich möchte etwas finden, damit arbeiten, und dann ist es auch gut. Du hast sicherlich die Fotos aus Zeitschriften gesehen, auf denen Schauspieler abgebildet waren. Das waren meist Kindfrauen oder sehr kindliche Typen. Ich mag es, wenn Erwachsene noch fast wie Kinder aussehen und dieses androgyne oder unschuldige haben, was auch ein bisschen erotisch wirken kann. Ich mag es wenn etwas nicht so aussieht wie das, was man jeden Tag auf der Straße sieht, sondern wenn es erhöht und idealisiert dargestellt ist. Wenn wir ins Nichtfigürliche gehen, dann sind das witzige geometrische Formen, sehr bunte, knallige Sachen, die mich faszinieren: Graffitikünstler oder Comickünstler oder auch Underground-Sachen, die aus der Sub- und Großstadtkultur kommen, Skaterkultur etwa die haben ein bestimmtes Verhältnis zu Fashion und Streetculture. Das ist dann eher etwas, was mit der Tradition nicht mehr so viel zu tun hat. Aber meine Lieblingsepoche ist das Rokoko.

Wie passt denn Rokoko mit dem zusammen, was du jetzt in den Medien siehst?

Katja: Ich finde da gibt es Ähnlichkeiten. Die Welt wurde teils begriffen als Bühne, wo jeder seine Rolle spielt. Das passt zu unseren Medien. Diese ganzen Mini-Playback-Shows oder der Traum, Superstar zu werden. Da spielt man eine Rolle oder man möchte so etwas verkörpern, wie einen Traum. Oder auch wenn man das Privatleben von der Öffentlichkeit gar nicht mehr trennt. Schon allein durch diese ganzen Blogs im Internet, in denen man sein Tagebuch veröffentlicht. Das ist ja nicht immer der schöne Schein. Da wird angeblich die Realität gezeigt. Aber ich glaube, es ist immer noch Schein. Sobald die Kamera da ist, verändert sich etwas in einem.

Die Ästhetik im Rokoko, findest du die auch in den Medien wieder? Dieses Kindliche oder das etwas kitschig Angehauchte oder Überladene?

Katja: Wen ich aus der Zeit des Rokoko besonders mag, ist der Maler Boucher. Er hat immer Frauen mit den gleichen Gesichtern gemalt, immer diese Kindergesichter. Das finde ich in den Medien schon wieder. Die Models sollen ein junges Gesicht haben, ein Gesicht, in das man etwas hineininterpretieren kann, das noch nicht gezeichnet ist vom Leben. Viele Models sehen sich sehr ähnlich. Mädchen imitieren diesen Stil auch. Aber das finde ich gar nicht schlimm. Ich muss gestehen, mir gefällt das.
So sind meine Britney Spears Found Footage Sachen nicht gegen Britney Spears gerichtet, sondern es ist eigentlich die Hoffnung, Britney solle doch wieder so hübsch werden, wie am Anfang ihrer Karriere. Gleichzeitig muss ich noch dazu sagen, dass ich keinen Zwang ausüben will auf mich oder Mädchen, auf eine bestimmte Art auszusehen. Es ist einfach ein freies Spiel. Wie gesagt, ich verbinde es mit Kindlichkeit.

Aber meinst du nicht, dass du mit deiner Kunst dazu beiträgst?

Katja: Denke ich gar nicht. Eher ist es so, dass das Gegenteil passiert. Die Leute werden sich noch mal darüber bewusst. Es schärft ihr Bewusstsein für dieses Medienphänomen. Zumindest habe ich das immer als Feedback bekommen. Erstmal kam: „Ja, wieso machst du das? Das ist doch bestimmt eine Kritik? “ Obwohl ich das gar nicht so kritisch sehe. Warum soll man das nicht zeigen … Kunst schaut man anders an als die Medien. Und dann denkt man auch ganz anders darüber.


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