Interview mit Ewa Surowiec
im Garten des Ateliers der Prager Klasse der HBK vom 21.06.2006
von Linda Schulz
Linda: Du bist hauptsächlich Malerin. Was fasziniert dich besonders an der Malerei?
Ewa: Es geht mir hauptsächlich um die Farbe und die Materialität der Farbe. Für mich ist die Malerei das einzige Mittel, das Farben und Materialität verbindet. Es fasziniert mich einfach, auf einer zweidimensionalen Fläche ein dreidimensionales Ergebnis zu erzielen.
Linda: Was meinst du konkret mit der Materialität der Farbe?
Ewa: Damit meine ich, dass man die Farbe wirklich anfassen kann und ich beim Arbeiten einen Kontakt spüre. Malerei ist natürlich nicht das einzige Medium, das mich interessiert, aber bei der Malerei entsteht ein intensiveres Gefühl für mich, wenn ich direkt auf der Leinwand arbeite, als wenn ich z. B. ein Foto machen würde. Bei der Fotografie erschließt sich das Ergebnis und die Form meistens schon im Moment der Aufnahme und nicht erst im Prozess. Es gibt natürlich auch viele Möglichkeiten in der Fotografie ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen. Aber in der Malerei entsteht für mich die Form im Prozess und so kann ich mich mit der Form länger identifizieren.
Linda: Fertigst du, bevor du ein neues Projekt anfängst, Skizzen an, oder entstehen deine Bilder im Arbeitsprozess?
Ewa: Ich habe immer einen Entwurf, aber der ändert sich meistens im Prozess. Das heißt aber nicht, dass ich starke, technische Eingriffe und Veränderungen auf der Leinwand vornehme. Ich will keine dicken Farbaufträge. Es soll eher leicht bleiben.
Normalerweise sind meine Entwürfe ganz einfach. Manchmal zeichne ich mit Bleistift vor, mache Collagen, oder nehme Fotos als Vorlagen. Es kann aber auch sein, dass ich nur einzelne Bildelemente skizziere und sie dann direkt auf die Leinwand auftrage.
Linda: In deinen Bildern vermischt du unterschiedliche Formsprachen und Ausdrucksmittel. Es entstehen zum Teil fotorealistische, abstrahierte, aber auch stark geometrische Formen. Warum verwendest du verschiedene Stile?
Ewa: Warum nicht? Das reicht mir einfach nicht nur bei einer Formsprache zu bleiben. Ich brauche verschiedene Ausdrucksmöglichkeiten. Das ist meine momentane Vorstellung. In der Malerei gibt es für mich keine Grenzen und darum kann man alles machen. Bei mir geht es nicht um Landschaft, Abstraktion oder Figürlichkeit. Bei mir geht es eher um einen virtuellen Raum, in dem Figuren, Architektur, Abstraktion usw. auftauchen können. Es geht um die virtuelle Realität, die entsteht und nicht um etwas, das tatsächlich real existiert.
Linda: Mit virtueller Welt meinst du etwas, das in deinem eigenen Kopf rumspukt?
Ewa: Ja, wahrscheinlich entsteht es in meinen Kopf. Wir leben in einer Welt der Computer- und Werbeästhetik. Es gibt so viele mediale Einflüsse, dass unsere Perzeption schon ein wenig verändert ist. Mein Eindruck von der Wirklichkeit hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Alles ist so stark „vergewaltigt“ von den künstlichen Formen, die sich draußen befinden. Ich möchte diese Computerästhetik nicht weiter transformieren, aber sie beeinflusst meine Malerei.
Linda: In deinen Bildern tauchen Bildelemente in verschiedenen Variationen auf. Inwiefern sind diese Wiederholungen im Bild von dir beabsichtigt?
Ewa: Das soll nur bedeuten, dass diese Figuren im Bild keinen bestimmten Ausdruck haben sollen. Sie sollen nur eine Repräsentation von etwas sein und nicht mehr. Diese Repräsentation hat keine wirkliche Bedeutung.
Linda: Warum sind sie dann im Bild, wenn sie keine Bedeutung haben?
Ewa: Sie haben keine Bedeutung als menschliche Figuren, die Emotionen ausdrücken. Was sie repräsentieren ist nicht so wichtig. Durch das „Fehlen“ von Emotionen wird eine allgemeine Kälte und Indifferenz ausgedrückt.
Linda: Deine Bilder zeichnen sich für mich unter anderem durch ihre intensive Farbigkeit aus, die die Aufmerksamkeit des Betrachters sofort auf sich zieht. Ist dies von dir beabsichtigt?
Ewa: Ja! [lacht] Ja! Erst heute habe ich einen Artikel gelesen über einen polnischen Maler und da gibt es eine Erklärung für seine Bilder, die vielleicht auch indirekt einen Bezug zu meinen Arbeiten hat. Der Autor spricht von einem bestimmten Begriff, den wir in Polen haben. Der heisst graue Realität. Dieser Begriff ist zum Teil mit dem kommunistischen System verbunden, hat etwas mit dem Vorhandensein der grauen Architektur und der allgemeinen Konformität der Menschen in Polen zu tun und auch mit der Anstrengung, sich ständig in einer „grauen“ Umgebung zu befinden. Diese Befreiung durch Farbe in meinen Bildern bedeutet vielleicht auch so etwas wie eine Art Befreiung von dieser Idee der grauen Realität, die wir in Polen lange hatten. Ich überlege allerdings sehr genau, wo ich Farbe einsetze. Die Auswahl der Farbe ist nie zufällig. Manchmal verwende ich absichtlich Farben, die nicht zusammen passen, um zu irritieren oder eine gewisse Harmonie zu zerstören. Das ist vielleicht nach meiner akademischen Ausbildung in Polen, wo wir alles über Farbkomposition und Farbharmonie gelernt haben, ein gewisser Widerstand in meinen Arbeiten.
Linda: Deine Bilder erinnern mich an die Bilder von James Rosenquist. Ist Rosenquist ein Künstler, der dich vielleicht in der Malerei inspiriert hat?
Ewa: Ich mag Rosenquist sehr gerne und auch Pop Art ist wichtig für mich, aber ich würde nicht sagen, dass ich mich direkt davon inspirieren lasse. In der polnischen Malerei spielen viele Künstler mit dem Sozialismus. Ich habe mich aber entschieden mit der amerikanisierten Kultur zu spielen. Das heißt für mich, auch auf der „anderen“ Seite einen Blick zu haben, da ich ja auch schon zur nächsten Generation gehöre. Denn es ist schon ein großer Unterschied bei Leuten, die 30 Jahre alt sind und jüngeren Leute, so wie ich, die zwischen 20 und 25 Jahre alt sind. Ich bin noch gerade an der Grenze: ich habe noch den Kommunismus erfahren, bin aber auch in diese amerikanisierte Kultur hineingewachsen. Und das ist wohlmöglich auch ein Grund, warum meine Malerei etwas von der Pop Art hat.
Linda: Kann man diesen Rückgriff auf Pop Art in deinen Arbeiten also politisch verstehen?
Ewa: Vielleicht versteckt. Ich stehe der Politik zwar kritisch gegenüber, aber ich würde nicht sagen, dass meine Bilder das ausdrücken.
Linda: Ich würde gerne über deine neueren Arbeiten, deine Collagen, sprechen. Mir ist aufgefallen, dass einige Bildelemente aus deiner Malerei wieder in den Collagen auftauchen. Bedeutet das, dass dich diese Bildelemente immer noch beschäftigen?
Ewa: Ja, ich denke es geht darum, dass ich auf jeden Fall mit diesen Bildelementen weiter arbeiten will, so lange ich sie nicht völlig ausgeschöpft sind. Meistens passiert dieses Wiederauftauchen von Bildelementen, wenn ich in einem bestimmten Zeitraum an mehreren Sachen arbeite.
Linda: Ich kenne von dir hauptsächlich gemalte Bilder. Wie kam der Wechsel von Malerei zu anderen Medien wie Siebdruck und Collagen?
Ewa: Schon seit zwei Jahren haben sich in meiner Malerei einige Veränderungen ergeben. Neue Elemente sind zu meiner Malerei hinzugekommen, die z. B. von Fotos und Collagen kommen. Deswegen mache ich jetzt auch Collagen. Manchmal sind diese Collagen ein Ausgangspunkt für andere Arbeiten, aber es passiert auch, dass sich daraus eigenständige Arbeiten entwickeln. Ich habe festgestellt, dass das Ausprobieren mit verschiedenen Techniken für meine Arbeit interessant ist und ich auch in der Collage oder im Siebdruck malerisch arbeiten kann.
Linda: Wie in deiner Malerei, tauchen auch in deinen Collagen architektonische Elemente auf. In deinen neueren Arbeiten sieht man viel polnische Architektur. Was fasziniert dich daran?
Ewa: Grausamkeit, Einfachheit und das Konstruktive, was man noch sehen kann.
Linda: Was meinst du genau mit Grausamkeit?
Ewa: Ich meine das ironisch, da die polnische Architektur einerseits schön aber auch schrecklich ist. Zum Beispiel haben diese Konstruktionen etwas sehr dynamisches und schaffen eine bestimmte Ordnung und auch Unordnung [lacht]. Neue interessante Formen und Räume entstehen. Wenn man z. B. Blickwinkel und Perspektive verändert, ergeben sich manchmal komplett neue Formen. Das interessiert mich.
Die polnische Architektur ist aber natürlich nicht ausschließlich „grausam“. Die Plattenbauten der Sozialisten waren nicht unbedingt geplant, um schön zu sein. Sie hatten ja einen anderen Zweck. Alles musste gleich aussehen. Die selben Module wiederholten sich immer wieder. Was mich daran faszinierte, ist wahrscheinlich diese Unterordnung der Menschen.
Linda: Mir fällt das schwer eine Unterordnung der Menschen in der Architektur zu sehen. Woran machst du das fest?
Ewa: Ich finde man sieht in der Architektur gut die Aufteilung und Unterordnung von Menschen. Architektur kann viel über das jeweilige Land erzählen. Ich habe gehört, dass auch damals Städte, wie z. B. Wolfsburg oder Salzgitter, von NS-Leuten entworfen wurden und sich in ihrer Konstruktion die damalige politische Idee der Gesellschaft widergespiegelt hat. Das ist es, was mich an der Architektur fasziniert. Ob es einen direkten Bezug zu den Bildern hat, weiß ich auch nicht so genau. Bilder sind einfach Bilder und können nicht über Politik sprechen.
Linda: Hast du denn selbst auch in so einer typisch polnischen Architektur gewohnt?
Ewa: Ja, in einem Plattenbau. Es war sehr klein. Am Anfang haben wir zu viert in einer Zweizimmerwohnung gewohnt. Meine Eltern, meine Großmutter und ich.
Linda: In deinen Collagen sind viele polnische Elemente wie z.B. Fotos, die du gesammelt oder selbst gemacht hast. Möchtest du in deinen Arbeiten etwas von dir erzählen?
Ewa: Ja, ich bin etwas persönlicher geworden, aber ich weiß auch noch nicht genau wohin das geht. Allerdings sind meine Collagen auch nicht erzählerisch und sollen nicht vom Betrachter entschlüsselt und gelesen werden. Für mich sind zwischen den verschiedenen Bildelementen sicherlich Verbindungen zu sehen, die aber nicht unbedingt für den Betrachter wichtig sein sollen.
Linda: Durch Erasmus bist du vor drei Jahren nach Deutschland gekommen und hast deinen Aufenthalt verlängert. Was hat dich dazu bewogen, hier länger zu bleiben?
Ewa: Es gefällt mir hier. [lacht] Die Ateliers sind gut, und man trifft interessante Leute. Die Schule hier ist frei und offen, und man kann Tag und Nacht arbeiten. Das ist ein großer Unterschied zu den polnischen Kunsthochschulen. Es ist wirklich schlimm dort. Es gibt dort zu viele Studierende, aber zu wenig Ateliers. Dort wurden die Ateliers schon um acht Uhr abends geschlossen. Ich hatte nur bestimmte Tage und Stunden, in denen ich arbeiten konnte. Ansonsten habe ich viel Zuhause gearbeitet. Das war zu eng und anstrengend!
Linda: Wie lange hast du in Breslau studiert?
Ewa: Drei Jahre.
Linda: Gab es in Breslau an der Kunstakademie Vorzüge?
Ewa: Die Werkstätten waren wirklich gut. Ähnlich wie hier.
Linda: Nächstes Jahr bist du fertige Diplomkünstlerin. Wie sehen deine Zukunftspläne aus?
Ewa: Wenn es möglich ist, würde ich gerne das Meisterschülerstudium machen. Vielleicht ergeben sich aber auch andere Möglichkeiten in England oder hier in Deutschland. Ich habe viele polnische Freunde, die auch im Ausland studiert haben. Wir wollten schon immer etwas zusammen machen. Einige Freunde von mir sind gerade in London und fangen mit der Zusammenarbeit schon an. Im Herbst wollen sie dort eine Ausstellung machen. Ich bin allerdings nicht dabei, da es eine Fotografieausstellung wird.
Linda: Wäre es auch eine Option nach Polen zurück zugehen?
Ewa: Das ist schwer zu sagen. Wenn sich eine gute Möglichkeit ergibt, würde ich auch gerne nach Polen zurückgehen. Mit der jetzigen Regierung kann ich mich allerdings nicht anfreunden. Es ist ziemlich schwer in Polen. Und ich muss auch sehen, wie sich dort die politische Situation verändert.
Linda: Wie willst du künstlerisch weiterarbeiten?
Ewa: Ich werde auf jeden Fall bei der Malerei bleiben. Zur Zeit arbeite ich allerdings auch an einem Videoprojekt. Aber das ist eine andere Geschichte! In dem Projekt geht es um Licht und um Innenräume. Es wird eine Videoinstallation. Deswegen denke ich, dass ich da auch ganz offen bin und weiter ausprobieren werde. Aber die Malerei interessiert mich im Moment doch am meisten.



