Diplomvergabe Freie Kunst 2022

Grußwort von HBK-Präsidentin Prof. Dr. Dorothea Hilliger an die Diplomandinnen und Diplomanden der HBK Braunschweig am 20. Juli 2022.

Liebe Absolventinnen und Absolventen der Freien Kunst, liebe Diplomandinnen und Diplomanden, liebe Künstlerinnen und Künstler – das alles sind Sie jetzt.  Und ich freue mich, dass es mir zukommt, Sie zu alldem zu beglückwünschen! 

Sie haben einige Jahre an der HBK gelernt, erforscht, probiert, verworfen, neu erfunden, gelesen, gedacht, gestritten, diskutiert und vieles mehr. Eine Zeit, die Sie geprägt hat – wie sehr, wird sich wahrscheinlich erst in den nächsten Jahren so richtig zeigen.

Sie sind begleitet worden von Ihren Professor*innen, Werkstattmitarbeiter*innen, den für Sie zuständigen Mitarbeiter*innen in der Verwaltung, dem Prüfungsamt, von Ihren Freundinnen und Freunden, ihrer Familie. Alle die, die hier anwesend sind, möchte ich auch ganz herzlich begrüßen und Ihnen danken für Ihren jeweiligen Beitrag zur Entwicklungsgeschichte unserer 41 Diplomand*innen.

Sie, liebe ehemalige Studierende der Freien Kunst, die Sie jetzt Absolvent*innen, Diplomand*innen, Künstlerinnen und Künstler sind, sind natürlich noch viel, viel mehr als das! Es sind in der Kunst vielleicht noch mehr als in anderen gesellschaftlichen Feldern die persönlichen Biografien, Erfahrungen, Haltungen, die Art und Weise, wie man sich ins Leben begibt, wie man hört, sieht, schmeckt, riecht, denkt und fühlt, die nicht nur das Verhältnis zur Welt und deren Verständnis ausmachen, sondern auch Ihr jeweiliges berufliches Tun.

Sie stehen, wie wir alle, in komplexen gesellschaftlichen Bezügen und müssen dort Ihren Ort und Ihre Gestaltungsmöglichkeiten finden. Für diesen nächsten Schritt möchte ich Ihnen alles Gute wünschen – weiterhin Interesse, Ausdauer und Beharrlichkeit und daneben auch eine Portion Leichtigkeit für Ihre künstlerische Entwicklung. Ich wünsche Ihnen zudem Menschen, die an Sie glauben und Sie unterstützen und fördern – und solche, mit denen Sie über ihre Kunst diskutieren, vielleicht auch streiten können – und solche, mit denen vielleicht sogar Zusammenarbeiten möglich sind.

Mit dem, was Sie an der HBK erproben konnten und gelernt haben und was Sie mitbringen an persönlicher Komplexität, werden Sie sich immer auf die Kunst beziehen, aber damit auch immer auf das Soziale, auf das Politische, das Gesellschaftliche – und Sie stehen somit als Absolvent*innen in einer besonderen, auch gesellschaftlichen Verantwortung.

Das mag erstaunen, vielleicht sogar erschrecken, sind Sie doch Diplomand*innen der Freien Kunst, selbst die Kunstvermittlung wird hier an der HBK als Freie Kunstvermittlung verstanden. Und selbstverständlich sind wir hier der Ort, der in besonderem Maße für die Freiheit von Wissenschaft und Kunst eintritt, diese auch lebt, indem ein Arbeiten und Experimentieren frei von den Gesetzen des Kunstmarktes möglich ist. Dafür werden auch weiterhin mit aller Kraft einstehen.

Ich bin überzeugt, dass man gerade vor diesem Hintergrund genauer beschreiben muss, worin die besondere Verantwortung liegt.

Im Masterplan der HBK ist formuliert:

„Für die Zukunftsfähigkeit ist relevant, dass sich künstlerische Prozesse in besonderem Maße durch ihren experimentellen Charakter und eine Ergebnisoffenheit auszeichnen. Dies macht sie besonders wertvoll, insofern hier Methoden und Praxisformen generiert werden, die in einer überwiegend zweckorientierten Gesellschaft alternative und sich fortwährend erneuernde Wege weisen können.“ Und weiter:

„Wie auch bestimmte Forschungsbereiche wird Kunst ja gerade deshalb staatlich gefördert, weil nicht exakt zu bestimmen ist, welcher konkrete Gewinn aus ihr zu ziehen ist.“

Tatsächlich ist es die Ergebnisoffenheit selbst, in der ein wesentlicher Teil Ihrer gesellschaftlichen Verantwortung liegt. Sich diese zu erhalten, ist eine Voraussetzung, um auch nach Jahren noch frei arbeiten zu können. Sie erproben aber nicht nur für sich selbst immer wieder neue Wege, wenn Sie sich nicht für vorab festgesteckte Ziele vereinnahmen lassen. Sie sichern auf diese Weise nicht nur für sich persönlich, sondern auch gesellschaftlich die Möglichkeit, sich außerhalb von Routinen und ausgetrampelten Pfaden bewegen zu können.

Dies, gepaart mit der möglicherweise besonderen Sensibilität in der Wahrnehmung, die Sie mitbringen, der Eigensinn im Blick auf das, was Sie umgibt, Ihre Beharrlichkeit, Ihre Fähigkeit, sich in eine Sache hineinzubohren, in ein Detail, was Sie interessiert, Ihre ungewöhnliche Materialverwendung, Ihr Formverständnis, ihr kunsthistorisches Wissen, die besondere Form der intellektuellen Verarbeitung von Erfahrungen – oder was es auch immer sein mag, was Sie als Künstlerin oder Künstler auszeichnet - das gepaart mit dem Wissen um die über sich selbst hinausgehende Bedeutung Ihrer künstlerischen Praxis. Das ist das Paar für die Zukunft, welches ich Ihnen wünsche!

Selbstverständlich wünsche ich Ihnen auch Erfolg auf dem Kunstmarkt, wenn Sie dies denn wünschen. Hier erfolgreiche Absolvent*innen sind nicht zuletzt der Stolz der HBK. Aber es gibt auch viele andere Wege.

Ich bin mit einigen Absolvent*innen Ihres Studiengangs befreundet, die schon vor Jahren Ihre Urkunde erhalten haben. Was mich beeindruckt ist, in welch unterschiedlichen Bereichen sie mit und in ihrer Kunst heute tätig sind – und in welchem Maße es möglich ist, in unterschiedliche gesellschaftliche Felder das künstlerische Denken. Die hieraus resultierenden Praxisformen können gerade mit ihrem experimentellen Charakter und ihrer Ergebnisoffenheit an vielen Orten wirksam werden.

Ich wünsche Ihnen – allen, die Sie unterstützt haben und auch der HBK als Institution, dass Ihre Beharrlichkeit, die gerade unter den Bedingungen einer globalen Pandemie nötig war, um ihr Studium zu diesem Erfolg zu führen, Ihnen auch weiterhin erhalten bleibt – wohin auch immer Ihr Weg Sie führt.

Sie bekommen jetzt gleich in Gemeinschaftsarbeit von Herrn Kuschminder und mir Ihre Zeugnisse in der Mappe, welche die bis vor kurzem an der HBK lehrenden Künstlerin Eli Cortinas gestaltet hat. Auch Ihr an dieser Stelle ein Dank!

Ich bin zu Ende – auf zum nächsten Schritt!