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Heike Klippel: Forschung

Prekäre Identitäten: Gift und Vergiftung in Wissenschaft und Film

 

Interdisziplinäres Projekt Pharmaziegeschichte - Filmwissenschaft in Kooperation mit Prof. Dr. Bettina Wahrig, Institut für Pharmazeutische Technologie, TU Braunschweig DFG-gefördert

Das Giftmotiv im Film

Ziel des Projektes ist die Erforschung von Giftnarrativen in Wissenschaft und Literatur seit 1780 und im Film seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Dabei geht es um die gegenseitige Beeeinflussung dieser Narrative, ihre Veränderung in der Zeit und ihre Reflexion im Bildmedium Film.

„Gift“ als Gegenstand wissenschaftlicher Diskurse konstituiert sich im Übergang von der Naturgeschichte zu den Naturwissenschaften. Im Moment seiner Konstitution beginnt jedoch bereits seine Auflösung, da sich kein Set von Eigenschaften aushandeln lässt, welches die Kategorie „Gift“ von anderen absondern ließe. Die Definitionskriterien von „Gift“ verschieben sich vom Kriterium der kleinen Menge zu demjenigen der Schädlichkeit. Mit dem Einmünden der Toxikologie in die Pharmakologie wird das Problem des „Gifts“ im Arzneimitteldiskurs scheinbar entschärft und auf dasjenige der unerwünschten Arzneimittelwirkung reduziert. Die Schei­dung in Haupt- und Nebenwirkung von Arzneimitteln reproduziert aber letztlich nur den Ursprung des Redens über Gifte, der als eine Form der Abwehr des Abjekten gedeutet werden kann. Damit artikuliert sich in dieser Unterscheidung ein für die Moderne spezifisches Mensch-Natur-Verhältnis, das bereits im Gift-Begriff selbst als Ausdruck der Unterscheidung der Natur in „gut“ und „böse“ zum Ausdruck kommt. Der Giftdiskurs in Pharmaziegeschichte und Literatur zeigt deutliche Gender-Konnotationen sowohl in der Tiefendimension (Rolle des Abjekts) als auch in der Behauptung, dass Frauen stärker zum Giftmord neigen als Männer. Gift wird mit Attributen der Undurchschaubarkeit, der geheimen Macht, aber auch der Schwäche, des Hinterlistigen und Widerwärtigen in Verbindung gebracht.

Für die Darstellung der Thematik im Film kann festgestellt werden, dass sie aus dem gesamten Reservoir tradierter Vorstellungen zu Gift und Giftmord schöpft und diese in wiederkehrende, je nach dem ästhetischen Anspruch des Films auch in stereotype Repräsentationen umsetzt. Dabei wird immer wieder auf konventionelle narrative Strukturen und ebenso konventionalisierte Inhalte und Themen zurückgegriffen. Das Spielfilmkino bedient sich willkürlich aus Geschichte, Literatur, populärwissenschaftlichem Diskurs und volkstümlicher Erzählung und entwickelt aus den dort zu findenden Elemente immer neuen Formen. Das Thema Gift/Giftmord findet im Medium Film eine Reflexion seiner Geschichte, wie sie sich im Wissenschaftsdiskurs und den damit verbundenen Erzählungen und Phantasiebildungen darstellte.

Ein grundlegendes Problem für den Film als visuelles Medium ist die Unsichtbarkeit und Ungreifbarkeit des Giftigen, die bereits aus dem wissenschaftsgeschichtlichen Diskurs bekannt ist. Das Gift und die Vergiftung selbst entziehen sich dem Bild. Gift und die Gifwirkung finden deshalb häufig eine Repräsentation in der Inszenierung des Mörders/der Mörderin und des Opfers. Die Attribute des Gifts verschieben sich im wesentlichen auf diejenigen, die das Gift verabreichen, und die Untersuchung dieser Filmfiguren kann ein großes Reservoir an Eigenschaften und Spezifika dessen entfalten, was man als „das Giftige“ bezeichnen könnte. Die Interpretation der Opfer-Charakteristika dagegen ist geeignet, den Bereich der Konnotationen des „Vergifteten“ bzw. Vergiftungswürdigen zu erschließen, das sich immer wieder mit der Vorstellung des Unausrottbaren verbindet.

Das Projekt richtet sich auf die Erforschung des Giftmotivs im Film in diesem Spannungsfeld zwischen der Konkretion der filmischen Repräsentation und Aspekten von Verborgenheit und Unzugänglichkeit.

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Alltag im Spielfilm

 

Als Gegenstand von Dokumentationen ist der Alltag kein ungewöhnliches Thema, ist er doch dazu geeignet, Aufschlüsse über kulturelle und gesellschaftliche Zusammenhänge zu geben. Aufzeichnung, Beobachtung und Analyse des Gezeigten sind die Perspektive des Dokumentarischen auf das Alltägliche. Für Film- und Fernseh-Erzählungen dagegen scheint der Alltag ein eher ungeeignet, denn er steht im Gegensatz zum Aufregenden, Interessanten oder Erzählenswerten. Nach Hitchcocks vielzitiertem Ausspruch, dass Filme immer dramatisch sein müßten, also „life with the dull bits cut out,“ müßte das Alltägliche weitgehend ausgeschlossen bleiben. Andererseits aber steht der Film in enger Beziehung zum Alltag der Zuschauer: Die Rezeption ist in die alltäglichen Abläufe eingebunden, und Filme können diesen Alltag nicht ohne weiteres ausblenden. Die Lebenswelt des Publikums muss eine gewisse Anerkennung finden und bildet einen wichtigen Angelpunkt für die Zuschaueridentifikation.

Geht man der Frage nach, was der Alltag eigentlich ist, so gibt es dazu unzählige Texte mit beispielgebundenen Darstellungen, Begriffliches dagegen kaum. Am bekanntesten ist die Negativ-Umschreibung des Alltäglichen von Lefèbvre, die Hitchcocks „dull bits“ zu korrespondieren scheint: „Gewissermaßen als Rest, umschrieben als ‚das, was bleibt’, […] definiert sich das Alltagsleben […].“ Theoretisch-soziologische Texte zum Alltagsleben finden sich seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts, und in ihnen wird deutlich, dass die „langweiligen Momente“ durchaus nicht bedeutungslos sind. Filme, die den Alltag thematisieren, müssen sich nicht unbedingt vom Ereignishaften abwenden, sondern vielmehr von einer Idealisierung der Normalität. Sie enthalten häufig kritische Tendenzen, denn aus einem durchgängig positiv gezeichneteten Alltagsleben läßt sich kaum Konfliktpotenzial entwickeln. In der Geschichte der Erzählfilms wird der Alltag vor allem unter zwei Perspektiven relevant: zum einen als Gegenwelt in Genres, die das Spektakuläre inszenieren, wie etwa dem Horrorfilm, zum anderen in Filmen, die das Alltägliche selbst zum Gegenstand machen und nach und nach aus ihm Konflikte herausmodellieren. Der eingangs skizzierte Widerspruch zwischen Alltäglichem und Erzählform findet eine gewisse Bestätigung darin, dass der Alltag in der Tat für das Mainstream-Erzählkino eine unwesentliche Rolle spielt. Er kann für bestimmte Genres durchaus relevant sein, ist aber vor allem ein Thema für ein Kino jenseits Hollywoods. Der Alltag provoziert eine Gestaltungsweise, die das, was für Hitchcock dramatisch ist, gewissermaßen auf den Kopf stellt. Dabei wird aus den alltäglichen Abläufen nach und nach ein Erzähl- und Konfliktpotenzial herausdifferenziert, das weniger durch Einzelereignisse als durch Strukturen bedingt ist.

Zuletzt bearbeitet von Referat Presse und Kommunikation

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