Intervention statt Verfall: Wie die Manifesta 16 Ruhr leerstehende Kirchen neu aktiviert

Wie lässt sich künstlerisch auf den weitreichenden Leerstand von Kirchen reagieren? Für die gerade zu Ende gegangene nomadische Wanderbiennale Manifesta 16 Ruhr wurde diese Frage beantwortet: Zwölf leerstehende Kirchengebäude aus der Nachkriegszeit, verteilt über vier Städte des Ruhrgebiets - Bochum, Duisburg, Essen und Gelsenkirchen -, wurden aus Perspektiven zeitgenössischer Kunstproduktion neu gedacht und künstlerisch transformiert. Die HBK-Professor*innen Havîn Al-Sîndy und Nasan Tur waren als Künstler*innen an der großen Schau beteiligt. 

In der St. Gertrud Kirche in Essen steht der Künstler und HBK-Professor Nasan Tur auf dem Kirchenpodium inmitten seiner Arbeit ‚Elevation‘ und graviert Textsalven in Kirchenbänke. Die elektrische Fräse hallt durch das Kirchenschiff und der Klang wirft sich vom Tropenholz der schweren Kirchendecke zurück in den Raum. 

Die Besucher*innen der Manifesta 16 Ruhr sind in diese Handlung mit eingeschrieben, denn sie sind dem Aufruf des Künstlers gefolgt und haben für diese künstlerische Arbeit ihre Gedanken mitgeteilt, die nun vom Künstler und zwei Assistent*innen in das Holz der Bänke eingearbeitet werden. In einem Archiv der Gefühle sammelte Tur vor Ort und online anonym kurze Gedankenabsätze. In seinem Aufruf formuliert er mit Offenheit: „Alle Stimmen sind willkommen. Alle Generationen. Alle Hintergründe.“ Die Arbeit ‚Elevation‘ stehe dabei für Gemeinschaft, Menschsein und Zusammenhalt. So stehen auch die Kirchenbänke als Kollektiv zusammen, statt funktional und passiv in Reihen der Kontemplation oder dem Gebet zu dienen. Sie werden gemäß dem Künstler zu Leinwänden für die Stimmen derer, die sich an dem Aufruf beteiligt haben.

Die St. Gertrud wurde bereits 2025 profaniert, verkauft und darin ein Zentrum für Kunst, Kultur und Bildung aufgebaut. Im Hauptschiff gelangt man über wenige Stufen auf die etwas erhöht gelegene Ebene – ehemals der Altarbereich. Nun erheben sich dort im Rahmen der Manifesta die vertikal aufgerichteten Kirchenbänke der Installation von Nasan Tur. Diese aus verschiedenen Kirchen zusammengetragenen Holzbänke sind hier auf die Empore und damit - so der Künstler sinngemäß – aus ihrer Passivität gehoben. 

Havîn Al-Sîndy versetzt mit ihrem künstlerischen Beitrag zur Manifesta 16 Ruhr einen Schwarm in Bewegung. In der St. Josef Kirche in Gelsenkirchen ist die Installation ‚How to Carry a Locust‘ (Wie eine Heuschrecke getragen wird) zu sehen. Mehr als 10.000 von Schüler*innen handgefertigte Papierheuschrecken, die zu gleichen Teilen in Deutschland und Rojava, dem in Syrien gelegenen kurdischen Gebiet, hergestellt wurden, sind hier präsentiert. Durch eine teilweise KI-gesteuerte Motorisierung entsteht die Bewegung eines Schwarms, der die Heuschreckenplage erfahrbar macht. Doch: „Es als Plage zu bezeichnen, ist eine entlastende Lüge – denn hinter dem Schwarm stehen Kriege, Klimawandel, die Ausbeutung von Land und der Kampf gegen Unterdrückung.“ Diese Einordung von Prof. Dr. Elena Korowin, ebenfalls Professorin der HBK Braunschweig, macht den größeren Kontext der Arbeit deutlich, dessen Ausgangspunkt in der kurdischen Geschichte liegt: „Die Heuschrecken tauchen nicht aus dem Nichts auf.“

Die künstlerische Arbeit von Havîn Al-Sîndy geht über den eigentlichen Ausstellungsraum hinaus. In ihrer Tätigkeit als Professorin für Kunstpädagogik wurde mit Studierenden der HBK Braunschweig in Seminaren die Vorarbeit geleistet, um die Dimensionen von Dekolonisierung, Rassismus und Antisemitismus zu verstehen und in das Programm der Manifesta einbeziehen zu können. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage nach Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit: Wer wird gehört, wessen Perspektiven bleiben unsichtbar und wer entscheidet darüber?

Aus dem Zusammenwirken der HBK-Studierenden mit Schüler*innen entstanden performative und interaktive Arbeiten, die die Themen der Manifesta weiter transportieren. Diese Auseinandersetzung bildet laut Künstlerin zugleich die Grundlage für eine langfristige Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Schulen in Deutschland und Rojava. 

Ein Beitrag von Manuel Bendig, Stabsstelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der HBK Braunschweig

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