Wo Film seine Grenzen überschreitet: Michael Brynntrup über vier Jahrzehnte Experimentierfreude und künstlerische Freiheit

Zum Ende seiner Amtszeit an der HBK Braunschweig blickt Prof. Michael Brynntrup auf ein künstlerisches Werk zurück, das sich über mehr als vier Jahrzehnte entwickelt hat. Sein Weg führt vom experimentellen Super-8-Film über Performance und unterschiedliche filmische Ausdrucksformen bis in die digitale und interaktive Medienkunst. Was sein Schaffen von Beginn an prägt, ist eine Haltung der Experimentierfreude und Risikobereitschaft – und die Bereitschaft, filmische wie gesellschaftliche Konventionen immer wieder infrage zu stellen.

Ein frühes Schlüsselwerk ist „Jesus – Der Film“. Brynntrup initiierte und koordinierte das außergewöhnliche Super-8-Kollektivprojekt mit 35 Episoden von 22 Filmschaffenden und Kollektiven aus Ost und West und übernahm selbst die Rolle des Jesus. 1986 wurde der Film im Internationalen Forum des Jungen Films der Berlinale uraufgeführt. Fast vier Jahrzehnte später kehrte das Werk 2024 im Rahmen der Berlinale-Retrospektive auf die Leinwand zurück.

Mit „Narziss und Echo“ zeigt sich eine weitere, sehr persönliche Seite seines experimentellen Filmschaffens. Das Werk wurde 1990 mit dem Preis der deutschen Filmkritik für Experimentalfilm ausgezeichnet.  In späteren Arbeiten erweiterte Brynntrup sein künstlerisches Terrain zunehmend um digitale und interaktive Formen. Projekte wie TABU2000.NET stehen für diese Entwicklung – und zugleich für eine Haltung, die sich durch sein gesamtes Werk zieht: die Lust, Möglichkeiten eines Mediums auszuloten und Grenzen zu überschreiten.

Interview 

Herr Professor Brynntrup, zum Ende Ihrer Amtszeit möchten wir mit Ihnen auf diesen außergewöhnlichen künstlerischen Weg zurückblicken. Welche Projekte oder Stationen waren für Sie persönlich besonders prägend?

Da gibt es mehrere: Das erste Großprojekt war, dass ich den Film, das Lebende Bild, als mein Medium entdeckt habe. Sicherlich zählt auch 'Jesus - Der Film' zu einem der wichtigsten meiner Projekte, da er nicht nur als Super8-Monumentalfilm, sondern auch als Kollektivfilm große Aufmerksamkeit bekommen hat. Später dann waren meine queeren Filme und die (filmischen) Reisen nach Asien wichtige Stationen (Link Filmportal). 

Für mich „persönlich besonders prägend” war aber auch meine Hinwendung zu den digitalen, interaktiven Medien und da insbesondere meine Fragestellung, welche Möglichkeiten diese immer wieder brisanten Medien für das klassische Filmmedium eröffnen. Bei diesem 'Projekt' war mein Selbstverständnis als bildender Künstler natürlich von großem Vorteil, denn die Freie Kunst liefert das 'freie Denken' in Bezug auf jedes Medium.

Ihre Arbeiten bewegen sich häufig jenseits klassischer filmischer Erzählweisen. Worin sehen Sie den zentralen Ansatz Ihres künstlerischen Schaffens?

Ja, dieses freie Denken bzw. das 'Ganz-anders'-Denken klassischer, konventioneller Vorgaben ist auch der zentrale Ansatz meiner Arbeit. Das lässt sich auch ganz einfach mit einem Wort benennen: Experimentierfreude. Dazu gehören natürlich Mut, Risikobereitschaft und eine gehörige Portion Widerstandsgeist bzw. Lust auf Provokation. Ein schönes Beispiel und gleichzeitig eines meiner Lieblingsprojekte ist TABU2000.NET , das gerade jetzt (wieder) online gegangen ist. Mein Tagebuch kann da als Film 'gelesen' werden.

Wenn Sie auf Ihre Zeit an der HBK zurückblicken: Worin sehen Sie Ihre persönliche Wirkung – auch über die Hochschule hinaus?

Die größte Freude hat mir natürlich die Arbeit mit den Studierenden bereitet. Die jungen Geister bringen trotz aller Widrigkeiten, denen sie im Alltag und in der Welt ausgesetzt sind, oft eine Lebenseinstellung mit, die von Humor, Leichtigkeit und Unbefangenheit getragen ist. Mag sein, dass sich diese Stimmung in meiner Filmklasse konzentriert hat; mir war es jedenfalls wichtig, dass die Studierenden dieses positive Grundgefühl auch in ihrer künstlerischen Entwicklung nicht verlieren. Dabei interessieren durchaus die großen Fragestellungen: Wo komme ich her? Wer will ich sein? Was ist der Sinn des Lebens? (Und der Kunst?). Soziale Verantwortung und Empathie zeigen sich im konkreten Leben – und im übertragenen Sinne auch in der Kunst – nicht so sehr in tagespolitischen Manifesten und Petitionen, sondern wohl eher daran, ob man zum Beispiel einen Organspendeausweis besitzt.

Meine „persönliche Wirkung – auch über die Hochschule hinaus?” Diese Frage überlasse ich gerne anderen, die sie neutraler beantworten können. Vielleicht lohnt sich diese Frage erst in zwanzig Jahren, wenn sich dann noch jemand erinnert. Ich bin da gespannt, ja sogar entspannt.


Michael Brynntrup – ausgewählte Stationen eines internationalen Künstlerwegs:

Brynntrups Filme und Medienarbeiten wurden über Jahrzehnte international präsentiert. „Jesus – Der Film“ feierte 1986 im Internationalen Forum des Jungen Films der Berlinale Premiere und wurde 2024 in die Berlinale-Retrospektive aufgenommen.

Auch das Museum of Modern Art in New York präsentierte Brynntrups Arbeiten wiederholt im Rahmen seiner Reihe „Cineprobe“: 1987, 1992 und 1999 sind Präsentationen seiner Arbeiten im Archiv des MoMA  dokumentiert. Für das Programm von 1992 kündigte das Museum eine Auswahl seiner Super-8- und 16-mm-Arbeiten aus den Jahren 1986 bis 1991 an.

Für „Narziss und Echo“ erhielt Brynntrup 1990 den Preis der deutschen Filmkritik für Experimentalfilm.

Von den frühen Super-8-Arbeiten bis zu digitalen und interaktiven Projekten steht sein Werk für eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und Grenzen bewegter Bilder.

Weitere Informationen 

Das Interview führte Brigitte Kosch, Stabsstelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der HBK Braunschweig.

 

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