Von der HBK nach New York und zurück ins HAUM

Lothar Osterburg studierte Freie Kunst an der HBK Braunschweig und lebt seit 1987 in New York. Mit seiner Ausstellung ‚Cabinet of Wonders – Lothar Osterburg back from Brooklyn‘ zeigt das Herzog Anton Ulrich-Museum derzeit die erste umfassende Überblicksausstellung seines Werks in Europa. Für die Ausstellung wurde sogar das Herzog Anton Ulrich-Museum selbst Teil seiner künstlerischen Bildwelt – ein Motiv, das Osterburgs Beschäftigung mit Erinnerung, Architektur und der Bedeutung von Orten auf besondere Weise sichtbar macht.
„Drei Fragen“
Ihre aktuelle Ausstellung ‚Cabinet of Wonders‘ im Herzog Anton Ulrich-Museum verbindet Druckgraphik, Fotografie, Modellbau und filmische Elemente zu atmosphärischen Bildwelten. Wie entstehen diese komplexen Inszenierungen – und was fasziniert Sie besonders an der Verbindung von Realität, Erinnerung und Fantasie?
Das Wichtigste ist, dass ich hier an der HBK Braunschweig 1982 mit der Druckgrafik begonnen habe und früh gefördert wurde. Damals war die Druckgrafik während des Neubaus in die Münchenstraße ausgelagert. Nach Fertigstellung des Neubaus und dem Umzug in die heutigen Räume wurde ich Tutor für Lithografie und verbrachte einen Großteil meiner Zeit in den Werkstätten.
Wir hatten damals nahezu uneingeschränkten Zugang zu den Ateliers, sodass ich besonders in den Semesterferien und an den Wochenenden sehr produktiv arbeiten konnte. Durch den damaligen Werkstattleiter Rudolf Danninger erhielt ich auch meinen ersten Job als Drucker. Dieses Angebot nutzte ich als Argument, um meinen Vater davon zu überzeugen, mich von einem Studium der Freien Kunst nicht abzubringen.
Tatsächlich habe ich später einen Großteil meines Lebensunterhalts als Drucker und Plattenhersteller für Heliogravüren verdient – zunächst in verschiedenen Druckwerkstätten in San Francisco und seit 1994 in meiner eigenen Werkstatt in New York.

Mein Traum vom HAUM, 2025; Papiermasche Museum auf Sockel mit eingebauten Schaukästen, 198 x 226 x 71 cm. © Lothar Osterburg Studio
Ihre aktuelle Ausstellung ‚Cabinet of Wonders‘ im Herzog Anton Ulrich-Museum verbindet Druckgraphik, Fotografie, Modellbau und filmische Elemente zu atmosphärischen Bildwelten. Wie entstehen diese komplexen Inszenierungen – und was fasziniert Sie besonders an der Verbindung von Realität, Erinnerung und Fantasie?
Meine Inszenierungen waren anfangs sehr einfach. Ende der 1980er Jahre bog ich Kupferdrähte zu kleinen dreidimensionalen Zeichnungen und nutzte sie als Vorlagen, um vergrößerte Bilder zu malen. Zur selben Zeit arbeitete ich als Drucker bei der Crown Point Press in San Francisco und lernte für ein Projekt mit Christian Boltanski die Technik der Heliogravüre kennen.

Gleichzeitig erwarb ich eine Großformatkamera und fotografierte meine Drahtzeichnungen. Da das Objektiv für Nahaufnahmen nicht geeignet war, verwendete ich ein Vergrößerungsglas vor der Kamera, wodurch die Bilder verzerrt wurden. Diese Fotografien nutzte ich für meine erste Heliogravüre-Serie und erschloss mir damit eine neue künstlerische Technik – und letztlich eine neue Welt.
Mit der Zeit wurden meine Modelle immer komplexer. Dabei arbeitete ich mit unterschiedlichsten Materialien: geschnitzten Kartoffeln, die beim Trocknen ihre Form veränderten, Runkelrüben, Seife für Interieurs und sogar einer ganzen Bibliothek. Einige dieser Arbeiten zählen heute zu den ältesten Werken meiner Ausstellung im Herzog Anton Ulrich-Museum.
Ein gutes Beispiel für meinen Arbeitsprozess ist das Video ‚Piranesi 2012‘, das zusammen mit zwei weiteren Filmen in der Ausstellung zu sehen ist. Die Musik komponierte meine Frau, die Komponistin und Musikerin Elizabeth Brown, bereits während der Entstehung des Videos. Ausgehend von der Idee, eine von Piranesis Carceri-Radierungen inspirierte Welt zu erschaffen und daraus eine Heliogravüre zu entwickeln, entstand ein offener Arbeitsprozess, dessen einzelne Schritte in einer Stop-Motion-Animation dokumentiert sind.
Die Überarbeitung der Druckplatte und später auch des Modells wurde zu einer Hommage an verschiedene Zustände von Piranesis Werk. Zugleich beeinflusste die Stimmung von Elizabeth Browns Musik viele meiner Entscheidungen – etwa die narrativen Elemente der Arbeit.
Das Video ist online unter folgendem Link zu sehen.

Beim Lesen von W. G. Sebalds Buch ‚Schwindelgefühle‘ stieß ich auf ein Zitat, das sehr genau beschreibt, was ich seit Langem in meiner Kunst zu fassen versuche. Darin geht es um die Erkenntnis, dass ein Erinnerungsbild nicht die Wirklichkeit selbst ist, sondern nur eine Annäherung daran.
Erinnerung ist schwer fassbar und verändert sich ständig durch neue Einflüsse. Was jedoch bleibt, ist ein Gefühl, das ich als „emotionale Erinnerung“ bezeichne. Genau diese emotionale Erinnerung versuche ich in meinen Arbeiten wieder wachzurufen – auch dann, wenn die ursprünglichen Orte, Bilder oder Erfahrungen längst verändert worden sind.
Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen historischen Referenzen, imaginären Architekturen und Zukunftsvisionen. Welche Themen oder Fragen beschäftigen Sie in Ihrer künstlerischen Arbeit derzeit besonders?
Nach einer größeren Ausstellung wie der im Herzog Anton Ulrich-Museum habe ich oft das Bedürfnis, eine neue Richtung einzuschlagen und etwas Neues auszuprobieren. Ganz neu ist das allerdings selten. Häufig greife ich ältere Themen wieder auf, zu denen ich inzwischen neue Gedanken entwickelt habe oder über die ich heute mehr zu sagen habe.
Mein unmittelbarer Plan ist es, alte Druckplatten teilweise bis zur Unkenntlichkeit zu überarbeiten – ähnlich wie ich es bereits in meiner Piranesi-Serie getan habe. Inspiration finde ich dabei nicht nur in Piranesis Carceri-Reihe, sondern auch bei Künstlern und Druckgrafikern vor mir. So hat etwa Rembrandt eine Druckplatte von Hercules Seghers weitgehend verändert und zu einer eigenen Arbeit weiterentwickelt.
Beeinflusst wird meine Arbeit außerdem von den unterschiedlichen Einstellungen zum städtischen Raum in den Ländern, in denen ich gelebt habe. Mit wenigen Ausnahmen wird in den USA abgerissen und neu gebaut. In Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern werden Gebäude dagegen restauriert, wiederaufgebaut oder umgenutzt, um das Stadtbild zu erhalten.
Besonders spannend war für mich Japan, wo ich 2009 gemeinsam mit Elizabeth Brown fünf Monate lang gelebt habe. Dort steht weniger der Erhalt eines einzelnen Gebäudes im Vordergrund als die Weitergabe von Wissen über traditionelle Methoden, Materialien und Handwerkstechniken. Meister historischer Handwerkskunst werden als Kulturschätze anerkannt und mit Stipendien dabei unterstützt, ihr Wissen an die nächste Generation weiterzugeben.
Mich fasziniert die Vorstellung, dass die Nutzung eines Raumes, eines Gebäudes oder eines Ortes von jeder Generation neu erfunden wird. Diese Auseinandersetzung mit Veränderung, Erinnerung und Weiterentwicklung beschäftigt mich derzeit besonders.

Die Ausstellung ‚Cabinet of Wonders – Lothar Osterburg back from Brooklyn‘ ist noch bis zum 04. Oktober 2026 im Herzog Anton Ulrich-Museum Braunschweig zu sehen und bietet einen umfassenden Einblick in das Werk des HBK-Alumnus.
Das Interview führte Brigitte Kosch, Stabsstelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der HBK Braunschweig