Skulptur neu denken – Ein Gespräch über ‚Ecologies of Sculpture‘

Mit dem mehrjährigen Forschungs- und Ausstellungsprojekt ‚Ecologies of Sculpture‘ untersuchen die Landeshauptstadt Hannover und die Hochschule für Bildende Künste Braunschweig Skulptur aus neuen kunsthistorischen, ökologischen und feministischen Perspektiven. Im Mittelpunkt stehen internationale Bildhauerinnen der 1960er- und 1970er-Jahre, deren Arbeiten bislang wenig sichtbar waren.
Im Interview sprechen Prof. Dr. Ursula Ströbele, wissenschaftliche Leiterin des Projekts, und Dr. des. Tonia Andresen, PostDoc und Forschungsmitarbeiterin, über Ziele, Methoden und Forschungspraxis von ‚Ecologies of Sculpture‘ sowie über die Bedeutung des Projekts für Nachwuchsforschung und Öffentlichkeit.
Fragen an Prof. Dr. Ursula Ströbele:
(Projektleitung & kuratorische Perspektive)
‚Ecologies of Sculpture‘ verbindet Kunstgeschichte, Ökologie und feministische Perspektiven. Was war für Sie der entscheidende Impuls, diese Themen in diesem Projekt zusammenzuführen?
Bereits seit längerem forsche ich zu diesen Themen und freue mich, sie nun im Rahmen von ‚Ecologies of Sculpture‘ zu vertiefen. Die Geschichte der Bildhauerei des 20. und 21. Jahrhunderts wird oft als entwicklungsgeschichtliches modernistisches Narrativ anhand eines europäischen, nordamerikanischen Kanons männlicher, weißer Künstler erzählt. Vernachlässigt wurden die Skulpturen, Netzwerke, Bildungs- und Ausstellungseinrichtungen von weiblichen (und queeren) Bildhauerinnen – ein aktuelles Thema, dem wir uns durch ökokritische, de-koloniale und materialbezogene Fragestellungen sowie Archivrecherchen zuwenden.
Maria Papa Rostkowska, deren Fotografie unsere Ankündigung ziert, ist eine solche Protagonistin, die bis in die 1990er-Jahre in den Steinbrüchen von Carrara und Querceta tätig war. Die Bildhauerin thront selbstbewusst auf einem Marmorblock, den sie zwischen ihre angewinkelten Beine geklemmt hat und mit einem Meißel bearbeitet. Genderspezifische Materialsemantiken werden hier in Frage gestellt, die schweren und harten Werkstoffen wie Marmor und Bronze eine männliche Konnotation zuschreiben, gegenüber etwa Weichheit und Elastizität, die mit Künstlerinnen assoziiert werden. Mit diesem Projekt wollen wir andere Geschichten der Skulptur erzählen, die über klassische Chronologien und Dualismen hinausgehen.

Welche Bedeutung kommt dabei dem Material als künstlerischem Werkstoff zu?
Eine Produktionsgeschichte der Skulptur ist eng mit einer Materialgeschichte verbunden, zudem mit einer Geschichte des Transports. Produktion und Vermittlung von Skulptur gehen Hand in Hand mit komplexen Infrastrukturen und einem Netzwerk von Akteur:innen in der Logistik, die inzwischen weltweit tätig sind. Dies betrifft die Beschaffung von Materialien, deren Extraktion und die damit einhergehende Transformation von Landschaft – denken wir an die Steinbrüche in Carrara, Erzbergwerke wie das benachbarte Rammelsberg oder Silberminen in Peru – die künstlerische Arbeit vor Ort und den Transport über nationale Grenzen hinweg. Diese Werkstoffe erzählen ihre je eigene Geschichte – im Sinne von storied matter, wie Serpil Oppermann das benennt.
Uns interessiert, woher das Material kommt, welche kolonialen und ökologischen Implikationen es in sich birgt, kurz gesagt, welche Reisen es hinter sich hat, bevor es in einem Bildhaueratelier landet. Hierüber geben die Archive nicht immer Auskunft – eine Herausforderung, mit diesen blinden Flecken produktiv umzugehen.

ca. 1966
© © Archives of the Rostkowski family
Das Programm ist auf mehrere Jahre angelegt und endet 2030 mit einer großen Ausstellung. Was wünschen Sie sich, dass Besucher:innen am Ende dieses Projekts neu sehen oder anders denken?
Während der Projektlaufzeit organisieren wir unterschiedliche Veranstaltungsformate wie Vorträge, Gesprächsrunden, Screenings und Interventionen im Öffentlichen Raum. Ziel ist es, auch mit einem Publikum außerhalb der Hochschule und des Museums in Austausch zu treten, über Skulptur, fehlende Gendergleichheit und Empowerment nachzudenken, um den Kanon gegen den Strich zu bürsten: Neugierde wecken, kritische Fragen formulieren und jenseits des Mainstreams ein Gespür dafür zu bekommen, wie gesellschaftliche Normierungen zu Schematisierung führen können zugunsten größerer Vielsprachigkeit auch außerhalb unseres Faches.
Der Begriff ‚Ökologie‘ wird hier nicht nur naturwissenschaftlich verstanden. Wie zeigt sich dieser erweiterte Ökologie-Begriff konkret in der Forschung und im Umgang mit Skulptur?
„Ecologies“ bzw. Ökologien ist bewusst im Plural gesetzt, da es inzwischen „Tausende von Ökologien“ gibt, etwa Ökologien der Empfindung, Wahrnehmung, Macht, Partizipation, Medien, des Sozialen und Politischen. Ausgehend von Erich Hörls konstatierter Pluralität und der Bedeutungsverschiebung des Begriffs „Ökologie, […] die nun praktisch eine ‚Ökologie ohne Natur‘ fordert“, konzentriert sich unser Forschungsprojekt auf „Ökologien der Skulptur“: Was macht das Spezifische, Ontologische einer Skulptur aus? Woher kommt das jeweilige Material und welche Infrastrukturen sind ihm inhärent? Wie äußern sich genderspezifische Zuschreibungen von bestimmten Materialien, wie Stein, Pflanzen, Plastik oder Stoff? Mich persönlich interessiert dabei besonders, welche (material-)ästhetischen Begriffen wie Elastizität, Softness und Transkorporalität für eine Skulpturgeschichte des 20. Jahrhundert und der Gegenwart fruchtbar sind.
Und an Dr. des. Tonia Andresen:
(Forschungspraxis, Methoden & Nachwuchsperspektive)
Als PostDoc arbeiten Sie sehr nah an den Forschungsprozessen von ‚Ecologies of Sculpture‘. Worin besteht für Sie persönlich die spannendste Herausforderung an diesem Projekt?
Ich freue mich sehr, seit Januar Teil des Forschungsteams zu sein und mein Postdoc-Projekt in diesem fruchtbaren Rahmen umsetzen zu können. Wie Ursula Ströbele bereits beschrieben hat, gibt es bis heute zahlreiche Leerstellen, sowohl in der Forschung als auch in Archiven, insbesondere was außereuropäische künstlerische Praxen angeht.
Da ich mich mit der Bildhauerin Maria Martins (1894-1973) aus Brasilien beschäftige, die aber lange Zeit auch in Paris tätig war, ist nicht nur ihre künstlerische Praxis als transkulturell zu verstehen, sondern auch der Forschungsprozess. Dies berührt die Frage, wie sich eurozentristische Strukturen innerhalb von Zugängen manifestieren und wie wir diese erweitern können, in dem wir beispielsweise Kooperationen und Netzwerke bilden, die Forscher:innen und Forschungsinstitutionen in Lateinamerika einbeziehen. Eine spannende Herausforderung auf die ich mich sehr freue!
Wie zeigt sich dieser erweiterte Ökologie-Begriff konkret in Ihrer Forschung und im Umgang mit Skulptur?
Ich untersuche in meinem Teilprojekt Natur-Kultur-Verhältnisse in der Moderne in Lateinamerika und dort wird sichtbar, dass der Bezug zur Landschaft eine Abgrenzung zur europäischen Moderne darstellte, „Ökologien“, insbesondere die Flora und Fauna, wurden hier zu einem Zeichen kultureller Identität, immer auch verbunden mit geschlechtlichen Vorstellungen. Hier interessiert mich die Frage, inwiefern diese auch als dekoloniale Abgrenzungsstrategien verstanden werden können oder ob sie letztendlich nationale Zuordnungen untermauern. Ökologien verstehe ich so auch als diskursive Anordnungen, die visuell hergestellt und produziert werden.

ca. 1966
© © Archives of the Rostkowski family
Gemeinsame Abschlussfrage:
Was macht die Zusammenarbeit zwischen Hochschule, Museum und Stadt für dieses Projekt besonders – und wo liegt für Sie das größte Potenzial solcher Kooperationen?
Prof. Dr. Ursula Ströbele:
Dank der Kooperation mit Dr. Reinhard Spieler und Dr. Carina Plath ist eine Verzahnung von wissenschaftlicher und kuratorischer Perspektive möglich, findet Forschung im Austausch von Hochschule, Museum und Stadt zugunsten einer größeren Vermittlung von Kunst statt. Wir freuen uns sehr auf den Austausch in Braunschweig und in der Region, aber auch mit internationalen Partner:innen, etwa Prof. Dr. Marta Smolinska (Poznán), mit der ich parallel an einem Buchprojekt zur Skulptur des 20. Jahrhunderts arbeite und die am 28. Januar bei unserer Kick-Off Veranstaltung im Sprengel Museum neben Prof. Dr. Lara Conte (Rom) einen Vortrag halten wird. Herzliche Einladung! Wir freuen uns über zahlreiches Kommen und Mitdiskutieren!
Dr. des. Tonia Andresen:
Darüber hinaus eröffnet die Kooperation die Möglichkeit, unterschiedliche Öffentlichkeiten einzubeziehen und Zugänge jenseits eines rein akademischen Publikums zu schaffen. Studierende werden aktiv in Forschungs- und Vermittlungsprozesse eingebunden, zugleich entstehen Verbindungen zu zivilgesellschaftlichen Akteur:innen und Institutionen in der Region. Diese Offenheit empfinde ich als große Stärke des Projekts, da sie Austausch, Vernetzung und Lernen in unterschiedliche Richtungen ermöglicht und kunsthistorische Forschung als einen dialogischen, gesellschaftlich relevanten Prozess erfahrbar macht.
Zur Kick-Off Veranstaltung des neu initiierten Forschungs- und Ausstellungsprojekts ‚Ecologies of Sculpture‘ laden wir Sie herzlich ein!
Neben einem Ausstellungsrundgang durch Niki Kusama Murakami. Love you for Infinity stellen Lara Conte (Rom) und Marta Smolinska (Poznán) ihre Forschung zu feministischer Skulptur in Italien in den 1960er/1970er Jahren und zu Viskosität als ästhetischer Eigenschaft vor. Im Anschluss gibt es einen Apéro.
Hinweis zur Kick-off-Veranstaltung:
Zum Auftakt des Forschungs- und Ausstellungsprojekts ‚Ecologies of Sculpture‘ findet am 28. Januar 2026 eine öffentliche Kick-off-Veranstaltung im Sprengel Museum Hannover statt.
Neben einem Rundgang durch die Ausstellung Niki Kusama Murakami. Love you for Infinity geben Lara Conte (Rom) und Marta Smolińska (Poznań) Einblicke in ihre aktuelle Forschung zu feministischer Skulptur und materialästhetischen Fragestellungen. Im Anschluss gibt es Gelegenheit zum Austausch bei einem Apéro.
Ablauf (Auswahl):
15:30 Uhr – Welcome
15:45 Uhr – Rundgang durch die Ausstellung
17:00 Uhr – Vorstellung des Projekts und des Teams
17:30 Uhr – Vortrag Lara Conte
18:30 Uhr – Vortrag Marta Smolińska
Förderhinweis:
‚Ecologies of Sculpture‘ ist Teil des „NatureCulture Art Lab“ an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, gefördert aus dem niedersächsischen Programm „Potenziale strategisch entfalten“ des MWK und der Volkswagen Stiftung (zukunft.niedersachsen).
Das Interview führte Brigitte Kosch, Stabsstelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der HBK Braunschweig