„Die Planetarische Mine“ – Ana Alenso über Rohstoffe, Kunst und globale Verflechtungen

An der HBK Braunschweig arbeiten aktuell drei Dorothea-Erxleben-Stipendiatinnen.
Ziel des 2-jährigen Stipendiums der künstlerischen Nachwuchsförderung ist die Qualifizierung von Künstlerinnen für eine Professur. Das während des Stipendiums zu entwickelnde Lehrangebot richtet sich dabei an HBK-Studierende. Neben Barbara Marcel und Sonya Schönberger erhielt auch Ana Alenso das Stipendium. 

Wie lassen sich globale Rohstoffkreisläufe, Bergbau und Recycling künstlerisch erforschen?
Ana Alenso entwickelt in ihrem Projekt „Die planetarische Mine“ neue künstlerische Perspektiven auf Rohstoffgewinnung, Materialkreisläufe und ihre globalen Verflechtungen. Im Interview spricht sie über ihre Forschung, ihre künstlerische Praxis und das Seminar „Urban Mine“. 

„Drei Fragen“:

Sie arbeiten seit Längerem am Konzept der „planetarischen Mine". Wie hat sich dieses Projekt im Rahmen des Dorothea-Erxleben-Stipendiums weiterentwickelt – und welche Rolle spielte dabei Ihr Seminar „Urban Mine"?

Minen sind rätselhafte Orte – in ihnen liegen die eigentlichen Wurzeln der modernen Gesellschaft. Mich interessiert, wie sich in jeder Mine mehrere Dimensionen gleichzeitig verdichten: geologische, geopolitische, historische und kulturelle. Das Projekt zielt darauf ab, eine erweiterte spekulative Kartografie zu entwickeln, in der sich mein künstlerisches Archiv aus Fotografien, Klang- und Videoaufnahmen sowie Interviews aus vielfältigen Feldforschungen in Gold-, Kupfer-, Silber-, Uran- und Marmorbergwerken miteinander verbinden.

Diese audiovisuellen und dokumentarischen Archive sind normalerweise Teil der künstlerischen Forschung und nicht unbedingt in den daraus resultierenden Installationen sichtbar. Deshalb bin ich dabei, dieses audiovisuelle Material erneut eingehend zu untersuchen, um neue Beziehungen zwischen den unterschiedlichen Kontexten herzustellen.
Das Konzept des Archivs der planetarischen Mine wurde vom Forscher Gianfranco Selgas geprägt, der meine Arbeiten Lo que la mina te da, la mina te quita (2020) und Desviar la Inercia (2019) als kulturelles Archiv der sozioökologischen Verflechtungen des Bergbaus in Lateinamerika konzeptualisiert hat.

Das Seminar „Urbane Mine" verlängert diese Frage in den städtischen Raum:
Rohstoffe aus entlegenen Bergwerken sind unsichtbar in unsere elektronischen Geräte und in die urbane Infrastruktur eingeschrieben. Wie lassen sich diese Spuren auffinden und was lässt sich künstlerisch damit anfangen? Dabei haben wir bislang durch Rauminstallation, Assemblage und das skulpturale Potenzial von Abfall kollektiv experimentiert sowie anhand von Feldforschung, künstlerischen Positionen und Autor*innen Themen und Konzepte rund um Extraktivismus, globale Lieferketten, Degrowth*, E-Waste und Recycling recherchiert. Die Stadt wird dabei nicht als Endpunkt der Extraktion verstanden, sondern als extraktives Territorium in sich selbst.
 
* Degrowth ist eine wachstumskritische Bewegung und Wirtschaftsform, die fordert, sich vom Zwang zum Wirtschaftswachstum zu verabschieden. Sie zielt darauf ab, Produktion und Konsum im Globalen Norden gezielt zu reduzieren, um die ökologischen Lebensgrundlagen zu erhalten und das menschliche Wohlergehen ins Zentrum zu rücken.

 

In Ihrer Arbeit untersuchen Sie Rohstoffe, Extraktion und ihre globalen Verflechtungen. Wie reagieren Sie künstlerisch auf diese Entwicklungen? 

Meine Arbeit verortet den Extraktivismus nicht nur in seiner produktiven Dimension, sondern auch in seiner destruktiven Fähigkeit, ökologischen Abfall zu erzeugen. Mich interessiert dabei, wie sich die räuberische Logik des Bergbaus bearbeiten, sichtbar machen und letztlich in Räume der Begegnung verwandeln lässt, aus denen situiertes, materielles und körperlich erfahrbares Wissen entstehen kann. 

Diesen Ansatz habe ich auch in Obsolete Swing verfolgt, einer Arbeit, die als Auftragswerk des Museums Ostwall in Dortmund für „Müll. Eine Ausstellung über die globalen Wege des Abfalls" entstanden ist. Die Installation thematisiert den Abbau von Kobalt, Gold und anderen wertvollen Materialien. Dabei interessiert mich besonders, wie sich Minenlandschaften im Laufe der Zeit verwandeln: Ehemalige Minen werden heute teilweise zu Freizeitorten wie Golfplätzen umgestaltet, während an anderer Stelle bereits neue Rohstoffe unter gefährlichen Bedingungen gewonnen werden.

Sie sprechen von einem „Archiv der planetarischen Minen". Was interessiert Sie daran und welche Beziehungen untersuchen Sie in Ihrer aktuellen Forschung? 

Mich beschäftigt etwa, wie die Produktion in abgelegenen Minen peripherer Länder asymmetrische Abhängigkeiten zu hochindustrialisierten Volkswirtschaften erzeugt. Oder wie fossile Kulturen nicht nur Ökonomien, sondern auch soziale Identitäten geprägt haben. Episoden wie die Uranförderung in Deutschland während des Zweiten Weltkriegs interessieren mich dabei nicht als abgeschlossene Geschichte, sondern als Fragmente, die sich an der Kreuzung von materialbasierter Forschung, audiovisuellem Archiv und Spekulation neu artikulieren lassen.

Die Arbeit Pech und Blende (2024) zeigt, wie bestimmte Objekte zu skulpturalen Trägern einer komplexen Geschichte ökologischer Gewalt werden: Zwei Bohrmaschinen aus dem Uranerzbergbau in Aue und Bad Schlema, leihweise von der Wismut GmbH überlassen.

Wismut war ursprünglich ein sowjetisch-deutsches Unternehmen, das ab 1946 Uran für das sowjetische Atomprogramm abbaute; ein direkter Beitrag zur nuklearen Aufrüstung des Kalten Krieges. Seit 1991 ist die Nachfolgegesellschaft Wismut GmbH mit der ökologischen Sanierung dieser Hinterlassenschaften beauftragt, eine Aufgabe ohne absehbares Ende.

Die Absurdität dieser fortdauernden Konsequenzen wollte ich auch im Werk durch Konfrontieren sichtbar machen. Die Wismut GmbH erstellte dafür ein eigenes Sicherheitsprotokoll, das den Umgang mit den Objekten regelt; für mich bereits ein konzeptueller Bestandteil der Arbeit. Meine Intervention blieb entsprechend minimal: Ich integrierte lediglich Bohrstahlaufsätze, Patronenhülsen und 0.50-BMG-Geschosse in die Installation. 

Ana Alenso ist aktuell noch bis zum 26. Juli 2026 mit ihrer Installation „Obsolete Swing“ (2026) in der Ausstellung "Müll – Ausstellung über die globalen Wege des Abfalls" im Museum Ostwall in Dortmund zu sehen. In der Sonderausstellung liegt der Schwerpunkt auf kolonialen Kontinuitäten in den globalen Abfallströmen. Die künstlerischen Arbeiten zeigen auf, wie Müll aus dem globalen Norden häufig in Länder des globalen Südens exportiert wird und dort ökologische Schäden sowie neue Abhängigkeiten erzeugt.

Weitere Informationen unter Link: https://anaalenso.com/

Das Interview führte Brigitte Kosch, Stabsstelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der HBK Braunschweig

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