Interview mit Sven Ingmar Thies über prägende Erfahrungen aus seiner Studienzeit an der HBK Braunschweig und über die Rolle des Zuhörens in der Lehre

Sven Ingmar Thies studierte Grafikdesign an der HBK Braunschweig. Heute arbeitet er als selbstständiger Designer und lehrt an der Universität für angewandte Kunst Wien. In seinem Studio „Thies Design“ verbindet er gestalterische Praxis mit Forschung und Lehre.
Mit seinem Buch Teaching Graphic Design hat Thies einen viel beachteten Beitrag zur Diskussion über zeitgemäße Designausbildung veröffentlicht. Darin versammelt er eigene Überlegungen zur Gestaltung von Lehrprozessen sowie Interviews mit internationalen Designlehrenden.
Im Interview spricht Sven Ingmar Thies über prägende Erfahrungen aus seiner Studienzeit, über die Rolle des Zuhörens in der Lehre und darüber, was Designstudierende heute voneinander und von anderen Disziplinen lernen können.
Herr Thies, Sie haben an der HBK Braunschweig studiert und arbeiten heute international in Lehre und Praxis. Was hat Sie aus Ihrer Studienzeit besonders geprägt und was geben Sie davon heute an Ihre Studierenden weiter?
In drei Worten: Offenheit. Selbstmotivation, Austausch.
Es ging nicht nur darum, Gestaltungstechniken zu lernen, sondern auch darum, eine eigene Haltung zu entwickeln und Position zu beziehen. Gleichzeitig spielte das Gespräch eine große Rolle – die Diskussion über Entwürfe, über Ideen, über das, was Gestaltung bewirken kann. Dies ist viel im Austausch mit Mitstudierenden geschehen, da alle Projekte im Hauptstudium darauf basierten, sich selbst zu organisieren, sich Gesprächspartner*innen zu suchen, selbst dafür zu sorgen, besser zu werden. Teilweise diskutierten wir Nächte durch – und stritten über den richtigen Buchstabenabstand in einem Logo.
Als Person hat mich am meisten HBK-Professor Klaus Grözinger geprägt. Ein Gestalter der den großen Blick hatte, aber auch auf Details Wert legte.
Diese Erfahrung begleitet mich bis heute. In meiner eigenen Lehre versuche ich deshalb, Studierende nicht nur zum Gestalten, sondern vor allem zum Beobachten, Fragen und Zuhören zu ermutigen. Gute Gestaltung entsteht selten im stillen Kämmerlein. Sie entsteht im Dialog – mit Auftraggeber*innen, mit Kolleg*innen und mit dem Kontext, in dem ein Projekt steht. Immer öfter lasse ich die Studierenden auf der Straße Personen ansprechen, um Feedback zu erhalten. Und obwohl fast alle Studierenden zuerst schüchtern oder sogar abwehrend reagieren, kommen alle mit neuen Erfahrungen und Erkenntnissen in den Klassenraum zurück.
Die beschriebene Haltung prägt auch meine Arbeit im Studio. Fast alle unserer Projekte beginnen nicht mit einer formalen Lösung, sondern mit Gesprächen: Was möchte eine Institution oder ein Unternehmen wirklich ausdrücken? Erst später beginnt die Gestaltung.
Sie beschäftigen sich intensiv mit Designlehre. Wie sollte Gestaltung heute vermittelt werden, damit Studierende nicht nur „Werkzeuge“ lernen, sondern Haltung entwickeln und welche Rolle spielt dabei Ihr BuchTeaching Graphic Design?
Werkzeuge verändern sich ständig. Haltung bleibt.
Studierende sollten selbstverständlich lernen, mit Software, Typografie oder Bildsprachen umzugehen. Aber wichtiger ist die Fähigkeit, Gestaltung zu reflektieren, zu begründen und darüber zu sprechen. Wer nicht erklären kann, warum eine gestalterische Entscheidung sinnvoll ist, wird es im Berufsalltag schwer haben – sei es im Austausch mit Auftraggeber*innen, im Team oder in interdisziplinären Projekten.
Dazu muss man auch Fragen stellen und zuhören.
Aus dieser Beobachtung heraus ist mein Buch Teaching Graphic Design entstanden, dass es erfreulicherweise mittlerweile in zweiter englischer Auflage und auch auf Deutsch als Grafikdesign unterrichten gibt.
In dem Buch habe ich eigene Unterrichtserfahrungen zusammengetragen und 24 Lehrende aus verschiedenen Ländern interviewt – aus Japan, Deutschland, Österreich, Großbritannien, den USA und China. Neben Grafikdesigner*innen wie Rathna Ramanathan, Erik Spiekermann oder Stefan Sagmeister, habe ich auch Unterrichtende aus anderen Bereichen interviewt wie den Designtheoretiker Michael Hohl, die Gamedesignerin Johanna Pirker, oder auch die Verhaltensforscherin LeeAnn Renninger und den Industrial Designer Fritz Frenkler, der übrigens auch an der HBK Braunschweig studierte. Mich interessierte vor allem, wie unterschiedliche Kulturen Gestaltung lehren und welche Rolle Feedback, das Zuhören und der Dialog im Unterricht spielen.
Ein zentrales Thema dabei ist der Umgang mit Rückmeldungen zu kreativer Arbeit. Wie spricht man über Entwürfe, ohne sie vorschnell zu bewerten? Wie entsteht ein Gespräch, das wirklich weiterführt? Genau zu solchen Fragen arbeite ich heute auch in Workshops mit Studierenden, Lehrenden sowie mit Teams aus Agenturen und Unternehmen.

Designstudierende arbeiten heute in einem internationalen und interdisziplinären Umfeld. Was können sie aus Ihrer Sicht von anderen Disziplinen – und voneinander – lernen?
Völlig richtig. Gestaltung findet heute immer seltener isoliert statt. Designer*innen arbeiten mit Architekt*innen, Programmierer*innen, Kurator*innen, Wissenschaftler*innen oder Unternehmer*innen zusammen. In solchen Konstellationen wird schnell klar, dass jede Disziplin ihre eigene Denkweise und Sprache mitbringt.
Gerade deshalb ist eben das Zuhören eine der wichtigsten Fähigkeiten im Design. Wer die Perspektive anderer Disziplinen versteht, erkennt oft neue Möglichkeiten für die eigene Arbeit. Viele der interessantesten Projekte entstehen genau an diesen Schnittstellen. Ein Projekt, bei dem dies in viele Richtungen möglich war, war die Gestaltung eines Café-Restaurants in Wien. In diesem Projekt arbeitete ich eng mit dem Architekten zusammen und konnte von den Tapeten über die Kleidung bis hin zur Patisserie – mit einem Pâtissier – und dem Schmuck für die Angestellten – mit einer Goldschmiedin – alles entwickeln. Superinteressant war die Frage: Wie schmeckt diese Marke?
International haben mich Stationen in London und Tokio geprägt. In London arbeitete ich bei Henrion, Ludlow und Schmidt, einer Corporate Identity Consultancy. Deren Mitgründer, Klaus Schmidt, war ebenso ein Absolvent der HBK Braunschweig. Dort lernte ich– strukturiert und effizient – in Hierarchien zu arbeiten. Während meiner Zeit in Japan lernte ich 2,5 Jahren lang, mit wenigen Worten zu kommunizieren. Es wurden weniger Fragen gestellt. Vieles basierte auf einem unausgesprochenen Konsens, der allerdings nicht immer ganz klar sein muss.
Diese Erfahrung prägt auch meine heutige Arbeit – sowohl im Studio als auch in der Lehre. In Projekten, im Unterricht und in Workshops versuche ich immer wieder Räume zu schaffen, in denen unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen und wo über Inhalte und Gestaltung gesprochen wird. Denn genau dort – im Miteinander – entstehen oft die besten Ideen.
Das Interview führte Brigitte Kosch, Stabsstelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.