Montage als Denkraum: Barbara Marcel über Kunst in der Post-Truth-Ära

An der HBK Braunschweig arbeiten aktuell drei Dorothea-Erxleben-Stipendiatinnen an ihren künstlerischen Entwicklungsprojekten. Das Stipendium dient der gezielten Förderung von Künstlerinnen auf dem Weg zur Professur und verbindet künstlerische Praxis mit Lehre und Forschung.
Barbara Marcel untersucht in ihrem Projekt die Rolle von Bildern in gegenwärtigen politischen und gesellschaftlichen Diskursen. Ausgehend von filmischen Recherchen hat sie ihre Arbeit zu einer umfassenden künstlerischen Forschung weiterentwickelt, die sich mit Montage als ästhetischer und zugleich erkenntnisbildender Praxis beschäftigt. Im Zentrum steht die Frage, wie Bilder zwischen Evidenz und Ambivalenz operieren – und welche Bedeutung ihnen in Zeiten von Desinformation, Greenwashing und globalen Konflikten zukommt.
Aktuell setzt Barbara Marcel ihre Forschung und künstlerische Praxis im Rahmen des Dorothea-Erxleben-Stipendiums an der HBK fort. Am 13. Juni 2026 wird sie ihre Arbeit zudem auf einer internationalen Konferenz an der Université Sorbonne Nouvelle in Paris vorstellen. Dort spricht sie im Panel „Ecopolitics and Media Practices“ über extraktivistische und nicht-extraktivistische Bildpraktiken im Kino.
Im Gespräch gibt Barbara Marcel Einblicke in ihre aktuelle Arbeit, ihre Recherchen im Kontext internationaler Klimakonferenzen sowie in ihre Lehrpraxis an der HBK Braunschweig.
„Drei Fragen“
Wie hat sich Ihre Forschung im Rahmen des Dorothea-Erxleben-Stipendiums bislang verändert oder vertieft?
Im Rahmen des Dorothea-Erxleben-Stipendiums hat sich mein Projekt zunehmend von einer rein filmischen Recherche hin zu einer breiteren Untersuchung der Beziehung zwischen Montage, Ökologie und Postwahrheits-Diskursen entwickelt. Ein wichtiger Ausgangspunkt dafür war meine Teilnahme an der COP30 in Belém do Pará im vergangenen November. Dort habe ich neue Filmaufnahmen realisiert, die nun Teil meines künstlerischen Abschlussprojekts für die Stipendienausstellung werden.

Ausgangspunkt meiner Arbeit bildet meine künstlerische Promotion (Artistic Research) an der Bauhaus-Universität Weimar, in deren Rahmen ich mich seit 2017 mit dekolonialer Ökologie beschäftigt habe. Dabei untersuche ich, wie unser Imaginäres fortwährend koloniale und extraktivistische Verhältnisse in Territorien wie dem Amazonas prägt. Diese über Jahrhunderte geformten Bilder und Diskurse bestimmen maßgeblich, was wir als „Natur“ und „Kultur“ verstehen. In den letzten Jahren richtete sich meine künstlerische Arbeit darauf, den Begriff von „Natur“ zu historisieren und die binäre Trennung von Natur und Kultur als eine zentrale Grundlage der Klimakrise und ihrer Leugnungen zu hinterfragen.
An diese Auseinandersetzungen knüpft meine aktuelle Forschung im Rahmen des Stipendiums direkt an. Ausgehend von den neuen Aufnahmen aus Belém beschäftige ich mich mit der Frage, wie Bilder heute zwischen Evidenz, Affekt und politischer Instrumentalisierung operieren. Besonders deutlich wurde mir dies während der COP30 (30. Conference of the Parties (Konferenz der Vertragsparteien) der UN-Klimarahmenkonvention (UNFCCC)). Dort zeigte sich, wie die Amazonasregion zugleich als bedrohtes Ökosystem, als ein Symbol der Rettung angesichts der globalen Krise und als ökonomische Ressource inszeniert wird. Begriffe wie Greenwashing, Finanzialisierung der Natur und globale Rohstoffpolitik werden hier konkret sichtbar — etwa wenn Unternehmen, Staaten oder internationale Institutionen mit Bildern von Wald, indigenen Lebensweisen und Wissensformen sowie Biodiversität ökologische Verantwortung kommunizieren, während dieselben Territorien gleichzeitig in Märkte für CO₂-Zertifikate, Kompensationsprogramme, Infrastrukturprojekte oder Rohstoffinteressen eingebunden werden.
Mich interessiert dabei, wie Montage nicht nur als ästhetisches Mittel, sondern als epistemologische Praxis funktionieren kann: also als eine Möglichkeit, solche dominanten Bildnarrative zu hinterfragen und komplexere Beziehungen zwischen Territorien, Wissensformen und politischen Konflikten sichtbar zu machen.

Eng mit dieser Forschung verbunden ist mein Seminar „Montage in der Post-Truth-Ära“, das ich im Sommersemester 2026 an der HBK Braunschweig gebe. Gemeinsam mit den Studierenden untersuchen wir, wie filmische Montage heute zwischen Evidenz und Ambivalenz operiert — etwa im Zusammenhang mit KI-Bildern, Plattformlogiken, Forensik oder ökologischen Narrativen. Anhand von Beispielen wie Arbeiten des Kollektivs Forensic Architecture oder der Künstlerin Hito Steyerl fragen wir uns, welche künstlerischen Strategien es heute gibt, um mit der massenhaften Produktion und Zirkulation von Bildern umzugehen, die das Verständnis von „Wahr“ und „Falsch“ im öffentlichen Raum prägen. Im Wintersemester möchte ich diesen Schwerpunkt weiterentwickeln und mich stärker auf Fragen der Wahrheitsproduktion im Kontext unterschiedlicher Diskurse über die Klimakrise konzentrieren. Besonders interessiert mich dabei, wie Kunst auf diese Veränderungen reagiert und Möglichkeiten für gegenhegemoniale Erzählungen gegenüber dominanten medialen Diskursen eröffnen kann.
Ich verstehe das Seminar nicht nur als Lehrformat, sondern auch als kollektiven Denkraum, aus dem möglicherweise bis zum Ende des Stipendiums eine gemeinsame Publikation, Konferenz oder Ausstellung hervorgehen könnte.
Wie reagieren Sie künstlerisch auf Entwicklungen wie Greenwashing oder die Finanzialisierung der Natur?
Ökologische Vorstellungen werden heute wesentlich durch Bilder und visuelle Narrative mitgeprägt. Greenwashing funktioniert dabei häufig über ästhetische Strategien: Natur erscheint als abstrakte Oberfläche, als „grüne“ Ressource oder als spekulatives Zukunftsversprechen. Meine Arbeit versucht, diesen vereinfachenden Bildpolitiken komplexere und relationale Formen des Sehens entgegenzusetzen. Mein aktuelles künstlerisches Forschungsprojekt beschäftigt sich mit der Geschichte der COP-Klimakonferenzen — beginnend mit der ECO-92 in meiner Heimatstadt Rio de Janeiro und der ersten offiziellen COP in ihrer heutigen Form, die 1995 in Berlin stattfand. Besonders interessierte mich dabei die historische Bedeutung der COP30 als erste UN-Klimakonferenz, die im brasilianischen Amazonasgebiet im November 2025 stattfand.

Bereits 2019 nahm ich an der Cumbre de los Pueblos (Peoples Summit) und der Carpa de las Mujeres (Women’s Summit) in Santiago de Chile teil. Dank einer Künstlerresidenz des Goethe-Institut Chile konnte ich dort die Carpa de las Mujeres filmisch begleiten, woraus das Film- und Videoinstallationsprojekt Humo sobre los humedales (Rauch über den Feuchtgebieten) entstand. Die fertige Videoinstallation wurde später auf der Biennale für Kunst und Medien in Santiago de Chile sowie in einer Ausstellung der ifa-Galerie Stuttgart gezeigt. Während meiner Reise nach Belém do Pará (einer Stadt im brasilianischen Amazonasgebiet) im November vergangenen Jahres konnte ich meine Recherche zur Geschichte und Funktionsweise der COPs weiter vertiefen. Ich drehte dort umfangreiches Material, insbesondere auf der Cúpula dos Povos, die rund 40.000 Menschen in Belém do Pará versammelte.

Mich interessiert dabei vor allem die Spannung zwischen offiziellen Nachhaltigkeitsdiskursen, geopolitischen Interessen und den Stimmen sozialer Bewegungen und lokaler Gemeinschaften. Ich hoffe, dass durch die Montage des gefilmten Materials Fragen der Finanzialisierung der Natur, des Greenwashings und der politischen Instrumentalisierung ökologischer Narrative im entstehenden Video sichtbar werden und kritisch diskutiert werden können.

Welche Bedeutung hat Montage für Sie – insbesondere im Kontext einer sogenannten Postwahrheits-Ära?
Für mich ist Montage weit mehr als eine filmische Technik. Ich verstehe sie als eine politische und epistemologische Praxis. Gerade in einer Zeit, in der Bilder zunehmend durch Desinformation, algorithmische Zirkulation und KI-generierte Inhalte geprägt sind, interessiert mich die Frage, wie Montage Prozesse der Sichtbarmachung, aber auch der Irritation und Ambivalenz erzeugen kann.
In meinem Seminar an der HBK beschäftigen wir uns mit genau diesen Fragen: Wie operieren Bilder heute zwischen Beweis und Konstruktion? Welche Rolle spielen Affekte, Plattformlogiken oder propagandistische Ästhetiken? Und wie können filmische Verfahren Räume für kritische Wahrnehmung öffnen? Dabei interessieren mich besonders Formen der Montage, die keine einfachen Wahrheiten behaupten, sondern komplexe Beziehungen, Widersprüche und Unsicherheiten sichtbar machen.
Vielleicht liegt darin heute auch eine wichtige politische Funktion von Montage: nicht eindeutige Antworten zu liefern, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen Zuschauer*innen emanzipierter und eigenständiger sehen, zweifeln und Bilder kritisch denken können.

Weitere Informationen zur Konferenz finden Sie hier.
Das Interview führte Brigitte Kosch, Stabsstelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der HBK Braunschweig